Das Essen als Gewissensfrage

03.09.2010 von Frank D. Engelhardt

„Hat es geschmeckt?!?“ Eine kurze, wenn auch sehr brisante Frage. Unzählige Male hört man diese drei Worte am Tag – und meistens kommt auch die „richtige“ Antwort zurück. Nur manchmal, ja wirklich nicht oft, begehrt der Befragte auf und lässt nicht ein „Es war gut“ oder „Alles perfekt“ über seine Lippen huschen. Ob die nette Bedienung mit einer unkonformen Aussage gerechnet hat, als sie mein Gegenüber an jenem lauschigen Abend fragte, ob sein Mahl denn munde? Definitiv nein! Denn ziemlich irritiert wollte sie dann nicht einmal wissen, woher denn der Unmut rührt. Aber hätte mein kulinarischer Mitstreiter aus falsch verstandenem Anstand die Unwahrheit sagen sollen? Eine gute Grundlage für ein abendfüllendes Gespräch. Natürlich mag der kultivierte Mensch von heute auf die Etikette nicht mehr verzichten. Gerade die Erwachsenen bedienen sich daher gerne den so genannten Höflichkeitslügen, mit denen sie unangenehme Wahrheiten zu umschiffen hoffen. Der Plan, die Gefühle seines Gegenübers nicht zu verletzen, ehrt zwar vordergründig, letztendlich wird aber nur die Wirklichkeit verzerrt. Was hilft es dem Wirt, wenn zwar alle Gäste immer zufrieden sind, aber sie nicht mehr wiederkommen. Und schließlich kann man ja alles sagen, es kommt nur auf den richtigen Ton an. Das hat sich wohl auch die Bedienung gedacht, die uns zum Abschluss eine Kleinigkeit zur besseren Verdauung kredenzte.

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