Grenzerfahrungen im Himalaja
Marcus John und seine Freundin Sabrina legen 12 269 Kilometer auf dem Motorrad zurück
Balingen / Neu Delhi, 01.09.2010 von Frank D. Engelhardt
Lediglich drei Monate hat Marcus John in die Organisation seines Motorradtrips einfließen lassen. Denn seit Jahren schon beschäftigt sich der passionierte Biker und Bergsteiger mit der Geschichte der Seidenstraße, hat so manche Tour bereits gedreht. Doch jetzt stand etwas ganz besonderes an: von Neu-Dehli nach Balingen.
„Mit dem Flugzeug brauche ich für die Strecke zwölf Stunden, jetzt wollte ich einfach mal sehen, welche Länder und Menschen hinter diesen Landschaften stecken“, erzählt der 42-Jährige, der seit 15 Jahren in Singapur lebt. Er arbeitet im Marketing, entwickelt Medienstrategien und kommt viel in der Welt herum. „Meine Abenteuerlust rührt sicherlich daher“, meint der Schwabe.
Wüste soweit das Auge reicht, Hunderte von Kilometern – Hitze, Sand und das Gefühl von Unendlichkeit. Stille Momente, die in einer Welt der überbordenden Kommunikationsflut nicht von dieser Welt scheinen. 12 269 Kilometer haben Marcus John und seine Sozia so zurück gelegt, die alte Handelsstraße zwischen Asien und Europa auf eine ganz ursprüngliche Art verfolgt. Doch bereits am Startpunkt Neu-Delhi gab es die ersten Probleme. Die Einfuhr des fahrbaren Untersatzes, einer legendären Honda AfricaTwin, bereitete Probleme – und damit Verzögerungen. So wurden die ersten Kilometer mit einer geliehen Maschine absolviert.
Auf dem Plan standen nicht weniger als drei der höchsten Gebirgszüge, die überhaupt befahrbar sind. Bereits auf dem ersten großen Etappenziel Leh, Hauptort der Region Ladakh in Indien, wurden drei der höchsten Pässe überquert, bis zu 5604 Meter über dem Meeresspiegel. Umso beschwerlicher geht es hier doch meist über Schlamm- oder Schotterpisten. „Eine wartungsarme Maschine ist unabdingbar“, betont John. „Alles was kaputt geht, müssen wir hier selbst reparieren.“
Auf dem Karakorum Highway ging es dann von West-China Richtung Arabisches Meer. Diese Fernstraße ist für China sehr wichtig, da sie den einzigen Zugang zum Meer gewährleistet. Auf fast 1300 Kilometer geht es hier durch landschaftlich und kulturell sehr vielseitige Gebiete, entlang der Gebirge des Pamir, Karakorum, Himalaja und teilweise des Hindukusch. Die Straßen schlängeln sich zwischen Gebirgszüge mit bis zu 8000 Meter hohen Gipfeln.
Der dritte große Mountain-Highway markiert der Pamir Highway (M41). Er verbindet die kirgisische Stadt Osch mit der tadschikischen Stadt Chorugh. Marcus John wählte dann die obere Route der Seidenstraße, die über Buchara und Nukus (Usbekistan) Richtung Makat (Kasachstan) führt. Ein kleiner Abstecher zum Aralsee, dem früher drittgrößten See der Welt, durfte natürlich auch nicht fehlen. Von den einstigen Ausmaßen ist das Binnengewässer heutzutage weit entfernt. Durch die Umleitung der Zuläufe, um riesige Anbauflächen künstlich zu bewässern, ist der Wasserspiegel dramatisch gefallen – der See hat mittlerweile nur noch zehn Prozent seiner ursprünglichen Größe.
Über 800 Kilometer Wüste musste der Schwabe und seine Freundin dann noch durchqueren, um endlich am Kaspischen Meer anzukommen. „Man hat den Eindruck, dass die Wüste nie aufhört“, meint John. Mit Atyrau erreichte das Duo schließlich die erste modernere Stadt an der offiziellen Grenze von Europa und Asien. Astrakhan und Wolgograd (das frühere Stalingrad) waren weitere Stationen Richtung Heimat. Über die Ukraine, Ungarn, Slowenien und Österreich gelangten sie schließlich nach Deutschland. Über zwei Monate nach ihrer Abfahrt in Neu-Delhi kamen die beiden Abenteurer am vergangenen Donnerstag in Balingen an.
„Und beim ersten Essen in der Heimat durften natürlich Spätzle nicht fehlen“, meint Marcus John und schmunzelt. Die Tage und Wochen zuvor gab es vor allem Suppen in allen Variationen. Die passende Verpflegung war aber nicht das einzige, was im Vorfeld der Tour geklärt werden musste. Für die meisten Länder in Asien wurde ein Visum benötigt, das zeitlich begrenzt ist. „Natürlich gab es einen gewissen zeitlichen Puffer, trotzdem war es eine heikle Angelegenheit“, so John. Das eigene Motorrad konnte in Neu-Dehli auch nur durch persönliche Kontakte frei geeist werden und viele Gebirgsstraßen waren bereits bei gutem Wetter alles andere als einfach zu fahren. So kam es schon mal vor, dass man mehrere Tage an einem Ort festsaß.
„Wir standen jeden Tag vor neuen Herausforderungen“, betont der 42-Jährige. Eine passende Unterkunft konnte manchmal erst spät in der Nacht gefunden werden, Kraftstoff zeitweise überhaupt nicht. „In manchen Ländern gibt es offiziell gar kein Benzin, das war echt nervenaufreibend“, erzählt der Balinger. Nicht viel besser sah es mit Strom aus. So oft es ging haben Marcus John und seine Freundin ihren Reise-Blog im Internet aktualisiert. „Damit wollten wir unsere Familien und Freunde einerseits an unserer Reise teilhaben lassen und andererseits natürlich auch beruhigen“, erklärt Marcus John. Über einen GPS-Sender konnte über weite Teile sogar der aktuelle Aufenthaltsort im Internet nachverfolgt werden.
„Ich habe gelernt immer operativ zu handeln und keine Emotionen zuzulassen“, erläutert John. „Wir waren oft ganz auf uns gestellt, wir mussten eine Lösung finden.“ Es sei eine sehr intensive Erfahrung gewesen über zwei Monate rund um die Uhr miteinander unterwegs zu sein. „Wir hatten so viele Aufgaben und Probleme zu lösen, da haben wir uns ganz anders kennen gelernt – und es musste auch immer ein Kompromiss gefunden werden“, erzählt John. „Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, in der alles selbstverständlich ist – wir haben auf unserem Trip gelernt auch einfache Dinge wieder wertzuschätzen“, ergänzt der Balinger und meint: „Ohne viel positives Denken wäre aber alles nicht machbar gewesen.“
