Bettler im grauen Anzug

Schöne neue Ebinger Altstadt, 17.08.2010 von Helen Weible

In der Mittagspause mache ich mir es auf einem der roten Textilbeton-Ufos gemütlich, mümmle mein Pausenvesper aus der Tüte und beobachte, was um mich herum passiert. Der Springbrunnen sorgt für eine angenehme Geräuschkulisse, ein paar kleine Piraten fordern die Wasserfontänen zum Kampf heraus – verlieren diesen meistens und ziehen nass von dannen. Neben mir werfen zwei Mädels mit Brezel-Krümeln. Rings herum bekommen wir immer mehr tierische Gesellschaft. Tauben haschen nach den Stückchen, zanken um die zu großen Bissen. Mir scheint, als ob die Spezies „Columba“ zu einer der frechsten, gierigsten im Tierreich zählt. Vermutlich hat die Zivilisation und die Stadt sie so geformt. Ihre Bettelei nimmt wenigstens kurz ein Ende, wenn sie sich erschrecken. Die Gurrer reagieren auf jede schnelle Bewegung. Kaum wendet sich die Futterquelle Mensch wieder ab, nähern sich die grau gefiederten Vögel, stets in der Hoffnung auf eine nahrhafte Gabe. Ihre typische Gangart mit dem nach vorne wippenden Kopf wirkt seltsam. Ich spiele für einen Moment mit dem Gedanken, auch einen Brotkrümel zu werfen. Doch dann überlege ich es mir anders. Verhungern müssen die Tiere beileibe nicht! Als ich klein war, hatte ich genauso viel Freude am Taubenfüttern wie die Mädels neben mir. Doch meine Mutter ermahnte mich damals, ich solle es lassen, das habe die Stadt verboten. Verbot hin oder her. Einer armen Kirchenmaus würde ich eher noch etwas abgeben – allein aus Gründen der Niedlichkeit.

 

 

 

 

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