Denn es ist Zeit
06.08.2010 von Daniel Seeburger
Gestern musste ich von einer guten Freundin Abschied nehmen. Zehn Monate lang wird sie in der Nähe von San Francisco studieren, den amerikanischen Lebensstil kennen lernen und interessanten Menschen begegnen. Nicht, dass ich neidisch bin, aber ich hasse Abschiede. Die Zurückbleibenden kämpfen weiter mit den Widrigkeiten des Alltags, während die Reisenden neue Länder erobern. Die Weltenbummler haben's aber auch nicht leicht. Bis der erste Schritt in die Ferne getan ist, gibt es viel zu organisieren, zu regeln, zu packen. Dann ist da noch das Reisefieber. Und die Freunde, die den Abschied schwer machen.
Das selbe Problem hatte bereits Goethe. Nach ausgiebigem Planen riss er sich am 3. September 1786 von seinen Freunden los und verließ Karlsbad heimlich in Richtung Italien: „Man merkte wohl, daß ich fort wollte. Ich ließ mich aber nicht hindern, denn es war Zeit“, schrieb er in seiner „Italienischen Reise“. Nach knapp zwei Jahren kam er zurück – als neuer Mensch.
Gerade die Heimkehr, die Rückkehr ins Geborgene nach all den Abenteuern, ist der Höhepunkt jeder Reise. Ich habe das neulich bei meinem fünf Monate alten Söhnchen festgestellt. Nachdem er mehrere Stunden beim Einkaufen mit dabei war und dann auch noch die beiden Omas besuchen durfte, beendete er seine kleine Weltreise mit einem glücklichen Jauchzen, als sich endlich die heimische Haustüre vor ihm öffnete.
Vielleicht ist das ja der Sinn unseres Lebens: den richtigen Zeitpunkt zu finden. Für den Abschied, für das Reisen – und für die Heimkehr.
