Brücke zwischen zwei Welten
Vor dem Jakobushaus wird ein Kunstpfad gebaut – Bewohner hinterlassen Spuren
Balingen, 26.06.2010 von Rosalinde Conzelmann
Stolz blickt Stefan Sieber auf den schmalen, bereits ausbetonierten Weg. „Der Aushub hat Kraft und Nerven gekostet, aber auch Freude gemacht“, sagt der gebürtige Russe, der seit Februar im Jakobushaus eine Bleibe hat. Das Zentrum für Wohnsitzlose beherbergt derzeit 24 Bewohner.
Nicht alle haben sich am Projekt „Kunstweg“ beteiligt, „weil sie das körperlich gar nicht leisten könnten“, sagt Hausleiterin Claudia Münz-Angst. Stefan Seibel aber war von Beginn an dabei und als gelernter Schreiner ist er schnell zum Kapo der ungewöhnlichen Baustelle avanciert.
Die Idee des Kunstweges stammt vom Mitarbeiterteam des Jakobuhaus. „Wir wollten die Männer beschäftigen“, sagt Claudia Münz-Angst und nahm deshalb Anfang 2010 ein weiteres Kunstprojekt in Angriff. Mit dem Balinger Künstler Michl Brenner war ein verlässlicher Partner für die Begleitung und Betreuung da. Brenner begleitet dank der Unterstützung des Fördervereines immer wieder das kreative Arbeiten im Jakobushaus. Sozialarbeiterin Sabrina Beller übernahm die Koordination und ging auch auf Sponsorensuche. Ein Unternehmen, das von Erfolg gekrönt ist. Auch die Stadt zeigte sich großzügig und unterstützt die Baustelle von Anbeginn an mit Maschinen und Material.
Der Weg ist 80 Meter lang und 1,20 Meter breit. Besonders der Aushub ging den Bewohnern in die Knochen. Eine Woche lang packten sie unter der Anleitung von Bauleiter und Hausmeister Siegfried Jenter an und feierten am 20. April das erste Etappenfest.
Das Besondere an dieser Baustelle: „Es spielt sich alles im Kopf ab“, sagt ein Bewohner. Michl Brenner nickt: „Es ist ein Projekt der Bewohner, ich stehe nur für die ästhetische Ausführung zur Seite.“ Der Kunstweg ist deshalb auch kein statische Geschichte. „Es soll weitergehen und wachsen.“ Der Weg, der eine Anbindung zum Beuroner Jakobusweg ist, wird mit verschiedenen Materialen gepflastert. „Jeder hat seine Ideen eingebracht“, sagt Brenner. Auch der Endinger Arthur Weber hatte eine künstlerische Idee, die er gemeinsam mit dem Bewohner Michael Mohl umsetzte. Weber ist Stahlkünstler und hat mit Mohls handwerklichem Geschick aus Schrottteilen eine Skulptur, „den Geher“, zusammengeschweißt. Weitere Kunstobjekte am Wegesrand sollen folgen. Weber wird noch zwei Sitzbänke aus ausgedienten Grabstein-Einfassungen aufstellen.
Für Sabrina Beller hat der Weg, dessen besonderer Hingucker ein Mosaik mit einer Jakobsmuschel sein wird, auch eine große Symbolkraft: „Er ist eine Brücke zum Haus und soll die Menschen zu uns führen.“ Schön wäre es, wenn dabei Berührungsängste abgebaut würden. Schon während der Bauarbeiten, die noch eine Weile dauern werden, hat der Weg seine heilende Wirkung entfaltet.
Die Bewohner bleiben nie lange, sind meist Einzelgänger. „Die Arbeit hat uns von unserem Problemen abgelenkt“, sagt ein Helfer. „Es sind Freundschaften entstanden“, sagt Sieber und er habe gespürt, „dass ich mich auf die anderen verlassen kann.“ Am meisten aber ist er stolz darauf, „,mit meinen eigenen Händen so etwas Schönes geschafft zu haben.“ Denn im Alltag von Wohnungslosigkeit ist das Leben oft unbeständig und ohne sichtbare Erfolge.
