„Wir haben ein anderes Südafrika erlebt“
Die deutsch-südafrikanische Familie Fischer aus Dotternhausen verfolgt die Fußball-WM mit besonderem Interesse
Dotternhausen, 24.06.2010 von Rosalinde Conzelmann
Im Jahr 1984 erliegt Gunter Fischer bei einer Rucksacktour durch den „schwarzen Kontinent“, bei der er in vier Wochen 4000 Kilometer zurücklegte, erstmals dem Zauber Südafrikas. Als er kurz darauf ein Jobangebot eines Deutschen bekommt, der in Johannesburg eine Waagen- und Gewichte-Firma betreibt, zögert der Mechaniker keine Sekunde und sagt zu. Im März 1985 tritt er seine neue Stelle in Johannesburg an. Er fühlt sich sofort angekommen in der fast vier Millionen-Einwohnermetropole.
Ein halbes Jahr später lernt der damals 27-Jährige die fünf Jahre jüngere Gail Schwägerl aus Kapstadt kennen, eine Südafrikanerin mit deutschen Wurzeln. Ihr Vater ist Deutscher, die Mutter Südafrikanerin. Das junge Paar verliebt sich, zieht ruckzuck zusammen und gibt sich 1989 das Ja-Wort. Ihre Erstgeborene ist damals zwei Jahre alt. „Und konnte Zulu sprechen, bevor sie englisch sprach“, sagt ihre Mama lachend. Denn die junge Familie hat ein schwarze „Nanny“, die sich um die kleine Tanja und den Haushalt kümmert. Die junge Mutter hat einen guten Job in einer Bank. Die Wochenenden verbringen die Fischers viel in der freien Natur und mit Freunden. „Es hat sich das meiste im Freien abgespielt, bei 300 Sonnentagen im Jahr“, erzählt Gunter Fischer.
Die kleine Familie zieht 1989 ins eigene Haus in ein Wohnviertel in Bassiona, das 14 Kilometer südlich von Johannesburg liegt. 1993 wird die zweite Tochter Carla geboren. Zu dieser Zeit haben sich die jungen Eltern bereits öfter Gedanken über ihre weitere Zukunft gemacht. Denn ihr Traumland hat sich verändert. Die politischen Unruhen, die einhergehen mit der Freilassung Mandelas und den Befreiungskämpfen der schwarzen Bevölkerung, machen der jungen Familie Angst. Als die Vorschule ihrer Tochter Tanja ausfällt, weil auf dem zwei Kilometer entfernten Highway eine Mutter mit fünf Kindern von politisch Radikalen überfallen und getötet wird, beschließen die Fischers die Rückkehr nach Deutschland. Es ist keine leichte Entscheidung. Zumal die politische Situation auch eine Wirtschaftskrise auslöst und der Verkauf des Hauses zum Verlustgeschäft wird. „Wenn wir keine Kinder gehabt hätten, wären wir dort geblieben“, sagt der Familienvater. Denn für ihn war es „eine wunderschöne Zeit in einem wunderschönen Land.“
Seit 17 Jahren leben die Fischers nun wieder in Dotternhausen. Die jüngste Tochter Fiona ist hier geboren, spricht aber ebenso wie ihre Schwestern englisch im Elternhaus. Gail Fischer hat sich eingelebt in der Gemeinde, die fehlende Spontanität und Steifheit der Schwaben machen ihr allerdings manchmal immer noch zu schaffen. „Die überschäumende Lebensfreude Afrikas vermisse ich.“ Der Blick auf den Plettenberg entschädigt sie ein wenig für die „herrliche Landschaft in meiner Heimat Kapstadt“. Auf dem Balinger Volksfest kaufen die Eheleute eine deutsche und eine südafrikanische Flagge gekauft, die nebeneinander an ihrem Balkon flattern und ein schönes Symbol für die „Multi-Kulti“-Familie darstellen. Gunter Fischer verfolgt nicht nur die WM-Spiele, sondern interessiert sich auch für die Berichterstattung jenseits der Stadien. Erst vor einigen Tagen sieht er sich einen Bericht über „Hillerow“ an, ein Viertel, das die Eheleute kennen: „Es war früher richtig schön dort, Einkaufspassagen und alles picobello“. Die Bilder, die nun im Fernsehen gezeigt wurden, schocken die Eheleute: „Alles vergammelt und dreckig – wir waren beide sprachlos.“
Generell stellt Fischer fest, „dass in der Berichterstattung ein einseitiges Bild gezeichnet wird – die Menschen hier sehen immer die gleichen Bilder von Wellblech-Hütten in Soweto – meine Frau und ich haben ein anderes Südafrika erlebt.“ Es gebe sehr wohl viele wohlhabende Menschen in Südafrika, die aus allen Ländern kommen. Während der Spiele aber schiebt der Fußballfan diese Gedanken beiseite und drückt beiden Teams die Daumen. Überzeugt davon, „dass die Deutschen weiterkommen“ und „Südafrika eh keine Chance hatte“, wie seine Frau lachend hinzufügt.
