„Kein freier Beruf mehr“

Chirurg Hans Goessler würde sich trotzdem wieder so entscheiden

Balingen, 24.06.2010 von Rosalinde Conzelmann

„Ich würde wieder Arzt werden“, sagt der Chirurg Hans Goessler – mit einer Einschränkung: „Nicht mehr in Deutschland.“ Nach 25 Jahren Praxisbetrieb hat er die ständige Reglementierung satt, während ihm die Arbeit mit seinen Patienten nach wie vor Freude macht und Antriebsfeder ist.

„Ich bin mit Leib und Seele Chirurg“, sagt der 65-Jährige, der am 15. Juli 1985 in Balingen in der Olgastraße 8, damals als einziger Chirurg in der Kreisstadt, seine Praxis eröffnet hat. Zuvor hatte der gebürtige Heidenheimer nach seinem Medizinstudium in Bonn in einer Düsseldorfer Klinik und von 1974 bis 1981 in der Klinik Preetz im Landkreis Plön gearbeitet. Dort hat Goessler auch seinen Facharzt gemacht. Der Umzug ins Schwäbische erfolgte im Jahr 1982: Am 1. September hat Goessler im damaligen Balinger Kreiskrankenhaus die Oberarztstelle angetreten, wo er unter Oberarzt Dr. Klaus Gutermann arbeitete. Sein Chef war Dr. Johannes Eble. „Es war eine lehrreiche Zeit“, erinnert sich der Mediziner, denn sein Aufgabengebiet war vielseitig: „Für einen Chirurgen paradiesisch.“

Nach drei Jahren Dienst im Krankenhaus ging Goessler für ein Jahr auf „medizinische „Wanderschaft“ – er sammelte weiter berufliche Erfahrungen bei Praxisvertretungen in ganz Deutschland – um sich danach als sein eigener Herr in Balingen niederzulassen.

Noch heute praktiziert er im selben Gebäude, einst eine alte Lagerhalle, die er angemietet und zu einer modernen Praxis umgebaut hat. Goessler und sein sechsköpfiges Mitarbeiterteam, zu dem auch seine Ehefrau Monika zählt, betreuten am Anfang 30 Patienten täglich. „Heute sind es über 100“, sagt der Mediziner, der ein hervorragendes Personengedächtnis hat und kaum einen seiner Patienten je vergisst. Goessler hat in seiner langen Berufszeit allein sechs Gebührenänderungen mitgemacht. Die zunehmende Reglementierung seines Berufsstandes macht ihm die tägliche Arbeit schwerer als in den ersten Jahren. Seine persönliches Fazit: „Arzt ist kein freier Beruf mehr“. Trotzdem würde Goessler wieder Chirurg werden – „nur wegen der Patienten“. Die direkte Dankbarkeit, die er erfahre, sei trotz der diktierten Einschränkungen mit nichts aufzurechnen. Seit Jahren hat der Mediziner einen 12- bis 14- Stunden-Arbeitstag. Er ist sehr diszipliniert und werktags um sieben in der Praxis, um morgens zu operieren. „Vor allem Hände und Füße“, sagt er. Zu seinen Patienten zählen viele Sportler.

Die Goesslers lebten mit ihren Töchtern Jule und Maxi viele Jahre in einer Wohnung über der Praxis – „und samstags und sonntags hat es geklingelt.“ In Dormettingen hat der Arzt vor zweieinhalb Jahren ein Bauernhaus umgebaut – „und jetzt fahre ich abends heim“, sagt er lachend.

Seit 2009 ist Goessler, der 2002 eine schwere Krankheit überstanden hat, für die FDP im Kreistag. Ein politisches Amt, das er sehr ernst nimmt und ihm richtig Spaß macht. In seiner Freizeit findet er bei Spaziergängen mit seinen beiden Labradorhunden Entspannung oder er macht Radtouren mit seiner Ehefrau. Im Winter liebt er die Berge: „Skifahren ist meine Sucht.“ Kraft für seine anstrengende Tätigkeit sammelt er auch im Kreise seiner Familie: „Der Sonntag gehört uns.“

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