Im Land der Nächstenliebe
Die Schülerin Nancy Trenkler erzählt von ihrem Semester in den USA
Balingen/Detroit, 24.04.2010
Völlig übermüdet betrete ich mit meinen zwei gigantischen, 20 Kilo schweren Koffern die Flughafenlobby in Detroit, Michigan. Doch kaum lasse ich mich auf einen der Stühle nieder, kommt eine kreischende kleine Menge auf mich zugerannt: Die Grossos, die Familie, bei der ich die nächsten fünf Monate wohnen und leben werde.
Ich werde völlig überrumpelt: Jeder will mich umarmen, drücken und mich willkommen heißen. Dabei kenne ich gerade mal Colleen, die Mutter der siebenköpfigen Familie und ihre älteste 18-jährige Tochter Holly, die später meine beste Freundin wird, flüchtig von ihrem Besuch in Deutschland im vergangen Sommer.
Bei meiner Ankunft begrüßen mich die zwei Hunde Sally und Stella schwanzwedelnd. Auch der Rest der riesigen Familie, den ich einige Tage später kennenlerne, empfängt mich mit offenen Armen: Großeltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, es scheint kein Ende zu nehmen. Bald bin ich mitten im amerikanischen Alltagsleben, in dem es sich fast nur um eines dreht: die Familie. Doch obwohl alle so ein enges Verhältnis zueinander haben, bekomme ich keinen Augenblick lang das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ich bin von Beginn ein Mitglied der Grossos.
Doch nicht nur meine Gastfamilie ist so offen und freundlich: Alle Amerikaner behandeln mich wie einen guten, alten Freund. An der Kasse im Supermarkt werde ich von herzlichen Kassiererinnen kurzerhand in ein Gespräch verwickelt. An der Tankstelle wird sich ehrlich, und nicht nur mit einem rhetorischen „Wie geht´s?“, nach meinem Befinden erkundigt. Und keiner scheint etwas dabei zu finden, sich mit völlig Fremden über ihr Leben zu unterhalten. Keiner scheint hier für jemand anderen ein Fremder zu sein und es wird zunächst jeder erst einmal angelächelt. Für viele mag sich das nach vorgegaukelter Freundlichkeit anhören. Doch wer selbst schon einmal in den vereinigten Staaten war, weiß, dass diese Herzlichkeit der Menschen in Amerika eine Selbstverständlichkeit ist. Und jeder, der nicht zurückgrüßt, gilt als äußerst unhöflich.
Und doch gibt es auch Ausnahmen von der Regel. Zum Beispiel in der Schule: Zwar werde ich nett begrüßt, wenn man mich vorstellt und hier und da werden auch ein paar neugierige Fragen gestellt, doch war das oft auch schon alles. Doch sind natürlich nicht alle meiner Mitschüler so, und schnell merke ich, wer mich wirklich mag.
Mit meinem deutschen Akzent, den ich selbst so gar nicht wahrnehme, errege ich Aufmerksamkeit. Denn dass ich keine Amerikanerin bin, sieht man zwar nicht, hört man jedoch, sobald ich den Mund aufmache. Und jeder möchte wissen, woher ich komme und fleißig wird vermutet und geraten, bevor ich überhaupt antworten kann. Angst, Fehler zu machen, habe ich überhaupt nicht.
Doch so ein Semester ist sehr schnell um und der Abschied rückt immer näher. Inzwischen kann ich es mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren und meine jetzt so gewohnte Umgebung zu verlassen. „Mom“ und „Dad“ fragen mich beinahe jeden Tag, ob ich nicht doch noch ein zweites Semester bleiben möchte. Doch ich muss zurück. Zurück nach Deutschland, wo mich niemand beim Einkaufen anlächeln wird. Und doch spüre ich: In Deutschland bin ich zu Hause, habe Freunde und Familie. Auch wenn mich jetzt immer ein Teil von mir nach Amerika ziehen wird: Ins Land der Nächstenliebe.
