Mit Korsett und Zementmilch
Für den Abbruch der Torbrücke werden anliegende Gebäude aufwendig abgesichert
Balingen, 22.04.2010 von Zora Bombach
„Erst einmal müssen wir die so genannte Baufeld-Freilegung abschließen“, erklärt Herbert Raumann. Der Ingenieur ist Baustellenleiter an der Torbrücke und erläutert die ersten Bauabschnitte. Gas, Abwasser, Wasser, Strom, Telefon, Breitband und Fiberglaskabel von Unternehmen wurden bereits auf eine eigens gebaute Kabelbrücke verlegt. Die verläuft direkt neben der Baustelle. „Erst wenn die neue Brücke steht, können alle Leitungen wieder fest verlegt werden“, erläutert Raumann.
Nächster Schritt ist die Sicherung der umliegenden Gebäude. „Unglücklicherweise sind zwei Häuser direkt mit der Torbrücke verbunden“, sagt Raumann. Deshalb wird hier das Erdreich um die bestehenden Fundamente abgetragen. Diese reichen bis zwei Meter unter die Fahrbahndecke. Die Steinach fließt jedoch sieben Meter unterhalb des Straßenniveaus und könnte die Bauwerke unterspülen. Um das zu verhindern, erzeugen die Bauarbeiter ein künstliches Fundament. „In kleineren Abständen setzen wir hierzu Injektionslanzen ins Erdreich und füllen die Abschnitte Stück für Stück mit Zementmilch, einer Mischung aus Wasser und Zement, auf“, beschreibt der Baustellenleiter die Vorgehensweise.
Doch die komplizierte Sicherung der Gebäude ist nur ein kleiner Schritt. Auch die Fahrbahn muss gestützt werden. „Bisher übt der Brückenbogen genügend Druck auf beide Seiten aus, um alles an Ort und Stelle zu halten“, sagt Raumann. Sobald der Bogen aber fehlt, würden die Wände nachgeben und einstürzen. Verhindert wird das mit einem „Korsett“. Nicht aus Baumwolle oder Seide, sondern aus armierten Betonpfählen mit rund einem Meter Durchmesser. Zehn Meter tief reichen diese Pfähle. Ihre Zwischenräume werden ebenfalls mit Beton aufgespritzt. „Damit auch kein einziges Steinchen verrutscht“, fügt Raumann hinzu.
Mit einem künstlichen Fundament aus Zementmilch und dem Betonkorsett kann dann endlich mit dem Abbruch begonnen werden. Das Problem: „Wir haben den Fußgängern zugesichert, dass sie während der Bauarbeiten jederzeit einen eigenen Übergang nutzen können“, sagt Raumann. Derzeit ist das noch auf einer Seite möglich. Sobald dieser Teil aber auch abgebrochen werden muss, kommt ein mobiler Fußgängersteg zum Einsatz. „Der kann jederzeit mit einem Kran versetzt werden“, meint Raumann. „Gute vier Wochen“ dauere es noch, bis es soweit ist.
Im November dieses Jahres soll die neue Torbrücke fertig sein. Bis dahin müssen Anwohner, Einzelhändler und Gaststättenbetreiber noch mit Staub und Lärm leben.
„Weniger Kunden durch die Baustelle“: Betroffene Einzelhändler suchen nach einer Lösung
Die Baustelle raube ihnen ihre Kunden. Nun wollen sie etwas dagegen unternehmen. Ute Schullian, Geschäftsführerin des Modeladens „Jenseits“, klagt darüber, dass immer weniger Kunden ihr Geschäft besuchen, seit die Erneuerungsarbeiten an der Torbrücke begonnen haben. „Durch die Baustelle gibt es hier deutlich weniger Parkplätze und auch die Fußgänger verirren sich nur noch selten in diesen Teil Balingens“, sagt sie. „Wir müssen auf uns aufmerksam machen“.
Deswegen hatte sie am vergangenen Donnerstag zum Baustellengespräch geladen und sich jetzt mit Ladenbesitzern vom Viehmarktplatz und der Ebertstraße zusammengeschlossen.
Mit dabei sind bisher die Betreiber des O2-Handyladens, des Floristikgeschäfts Event Design, der Kunsthandlung Pollermann und des Feinkostladens Vitajos. Geplant ist zum Beispiel eine Rabattaktion im Mai, die wieder mehr Kundschaft anlocken soll. Wie genau es danach weitergehen soll, ist für den „Krisen-Tisch“ noch unklar.
Aber nicht nur die fehlenden Kunden bereiten Sorge. Auch die Versorgung von Seiten der Stadt werde zunehmend schlechter, sagt Schullian. Und so greift sie eben selbst zum Besen. „Man fühlt sich in dieser Ecke ein wenig Vergessen“, erklärt die Geschäftsfrau. Ein Wunsch des Bündnisses ist deshalb, dass die Stadt auf die Einzelhändler zukommt.
Die Resonanz auf den Zusammenschluss der Ladenbesitzer ist bisher gering. Außer den fünf Beteiligten zeigt kein Anlieger Interesse. „Wir müssen uns überraschen lassen, wie es weitergeht“, stellt Ute Schullian fest.
Kunden: Über einen Rückgang der Gästezahlen kann Iris Patri vom Kaffeehaus Sonne nicht klagen. „Wir spüren seit Baustellenbeginn nichts derartiges“, sagt die Gastronomin. Von Rabattaktionen hält sie daher wenig. Sie bemängelt jedoch die Parkplatzsituation. Für die Zeit der Bauarbeiten könnten zusätzliche Parkplätze oder die Möglichkeit, unbegrenzt lange parken zu dürfen, die Einzelhändler und Gaststättenbetreiber entlasten.
