Beißwenger erinnert sich

Letzter aktiver Sänger blickt auf 133 Jahre „Liederkranz Balingen“ zurück

Balingen, 31.03.2010

Zu ihrer letzten Hauptversammlung kamen kürzlich die Mitglieder des Balinger Liederkranzes zusammen. Nach 133 Jahren löste sich der Verein auf (wir berichteten). Anlass genug für einen Rückblick.

Die Geschichte des Liederkranzes Balingen ist untrennbar mit dem „Verlagshaus Hermann Daniel“, dem Stammhaus des ZOLLERN-ALB-KURIER verbunden. Dies zu betonen wird Walter Beißwenger nicht müde. Selbst jahrzehntelang ZAK-Lokalredakteur, verstärkte der heute 84-Jährige schon in jungen Jahren den Liederkranz-Tenor. In späteren Jahren dann den Bass. Sage und schreibe 69 Jahre lang war Beißwenger Mitglied des „Liederkranzes“, entsprechend fundiert ist sein Wissen um die Vereinshistorie, wie die nun folgenden Zeilen beweisen.

„Die Auflösung des Liederkranzes Balingen ist ein würdiger Anlass, des langjährigen Vorsitzenden und der Sängervaters Hermann Daniel, der 1961 im Alter von 71 Jahren gestorben ist, ehrend zu gedenken.

Sein Großvater Wilhelm Daniel, der 1848 als Buchdrucker nach Balingen gekommen war und später den ZAK-Vorläufer „Balinger Volksfreund“ gegründet hatte, hob im Jahr 1877 den Balinger Liederkranz aus der Taufe und war dessen langjähriger Vorsitzender. Am fürstlichen Hofe in Hechingen hatte er einstmals Gelegenheit, seinen voluminösen Bass zu schulen. Für seinen Enkelsohn Hermann Daniel war es deshalb ein Vermächtnis, dem Balinger Liederkranz, dem er seit 1912 als aktiver Sänger angehörte, im Sinne des Großvaters mit unermüdlichem Eifer zu dienen.

Auch sein Vater Adolf Daniel war 1877 Mitbegründer des Vereins. Im Jahr 1919 übernahm Hermann Daniel das Amt des Kassiers, und 1926 wurde er geschäftsführender Vorsitzender. Schließlich erhielt er auch noch 1948 das Vertrauen und die Bürde des ersten Vorsitzenden. In aufopferndem Einsatz und mit seiner leutseligen Wesensart verstand es Hermann Daniel, seine Sängerinnen und Sänger für den Chorgesang zu begeistern und zu großen Erfolgen zu führen. Ein Schlaganfall im Juli 1961 ließ seinen liederfrohen Mund verstummen. Wie einst sein Großvater wollte auch Hermann Daniel als letzten Wunsch im Krankenhaus von seinem Liederkranz noch ein Lied hören. Das „Ave Maria“ von Anton Bruckner, das der gemischte Chor des Vereins unter Chorleitung von Josef Kästle in Sigmaringen 1961 beim Gausängertreffen so beseelt gesungen hatte, wurde für Hermann Daniel eine letzte Erquickung. Ihm folgten mit viel Engagement die langjährigen Vorsitzenden Hermann Ilg, Heinz Bitzer und Harald Berger.

Besonders bemerkenswert in der Vereinsgeschichte ist das Kriegsjahr 1944. Trotz Fliegeralarms während der Proben wurde unter Musikdirektor Erich Stelse das Oratorium „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn aufgeführt. Nach Kriegsende hatte sich der seit Jahren um den Liederkranz verdiente Kaufmann Wilhelm Groß für die am 9. August 1946 mit Genehmigung der französischen Besatzungsmacht erfolgte Wieder- und Neugründung des Vereins tatkräftig eingesetzt.

Bei der 75-Jahrfeier des Liederkranzes 1952 unter Chorleitung von Kurt Unger wirkte beim Festkonzert der Balinger Sängerbund als Patenverein mit.

Der Liederkranz konnte 1956 mit Josef Kästle aus Bisingen einen hervorragenden Dirigenten und Stimmbildner gewinnen, der den gemischten Chor, Männerchor und das Doppelquartett zu hohem Niveau und konzertanten Erfolgen führte.

Krönung der 100-Jahrfeier 1977 wurde die glanzvolle Aufführung des Oratoriums „Die Jahreszeiten“ von Joseph Haydn. Es sangen unter Chordirektor Helmut Maier der Liederkranz Balingen in Chorgemeinschaft mit dem Evangelischen Singkreis Weilstetten und dem gemischten Chor des MGV Weilstetten-Roßwangen.

Die folgenden Jahre waren geprägt von weiteren hervorragenden Konzerten unter der Chorleitung von Paul Bischoff und seit 1986 in Konzertgemeinschaft mit dem Liederkranz Tailfingen unter Chordirektor Dietmar Oberer. Wie der langjährige ehemalige Gaupräsident Helmut Hauser beurteilte, waren es Beispiele von Klangschönheit, innerer Geschlossenheit, Werktreue und vorzüglicher Interpretation

Zu einer Glanzleistung für den Liederkranz wurde 2002 das Kirchenkonzert in der Heilig-Geist-Kirche Balingen anlässlich der 125-Jahrfeier des Vereins. Zu hören waren wertvolle Werke von W. A. Mozart, G. F. Händel und A. Vivaldi. Die Presse schrieb: „Dem ganz großen oratorischen Klangkörper war Dietmar Oberer ein hochkünstlerischer Dirigent. Solange der Liederkranz Balingen ihn zum Chordirektor hat, braucht dem Verein um seine Zukunft nicht bange sein.“

Letztes erfolgreiches Konzert der Liederkränze Balingen und Tailfingen war im Dezember 2007 die konzertante Aufführung der Oper „Orpheus und Eurydice“ von Chr. W. Gluck im Thalia Theater in Tailfingen.“

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