Flaschenpost aus „teurer Zeit“
Bauarbeiter findet bei Abrissarbeiten beschrifteten Zementsack aus dem Jahr 1923
Balingen, 16.03.2010 von Rosalinde Conzelmann
Fundort des „seltenen und ungewöhnlichen Zeitzeugnisses“, wie Stadtarchivar Hans Schimpf-Reinhardt ins Schwärmen gerät, ist das ehemalige Lehrerwohnhaus der Sichelschule. Dort sind Sanierungsarbeiten am Laufen. Die Stadt baut eine der ehemaligen Wohnetagen zu einem Kindergarten mit Kindergrippe um. Architekt ist Peter Eberhardt aus Weilstetten.
Mario Mura entdeckte die Bierflasche bei Abrissarbeiten. „Ich dachte erst, da ist vielleicht Schnaps drin“, erzählt er. Mit Verwunderung hat er dann den mit Bleistift beschrifteten Papiersack darin entdeckt. Es war ein Leichtes für Schimpf-Reinhardt die Zeilen zu „übersetzen.“ Der Gipser Otto Jaus aus Heselwangen, der im Oktober 1923 als „Handlager“ seiner Kollegen Ernst Seybold und Paul Zeeb aus Haigerloch beim Bau des Gebäudes mitgewirkt hat, ist der Verfasser der Zeilen. Der Gipser hat die Preise von Bedarfmitteln und Nahrungsmittel aus der „teuren Zeit 1923“ aufgeschrieben. Es war wohl damals in Handkreiserkreisen üblich, sich in irgendeiner Form auf den Baustelle zu verewigen. Ungewöhnlich findet Schimpf-Reinhardt aber, „dass er alle Preise im Kopf hatte und spontan und mit einfachen Mitteln dieses Zeitzeugnis niedergeschrieben hat.“ Diese Botschaft spiegle Jaus Erfahrungswelt wider und gebe einen tiefen Einblick in die Hochinflationszeit.
