Noch weit weg von Gleichberechtigung
Weltfrauentag: Das Balinger Frauenhaus feiert mit den „AcaBellas“ im voll besetzten Zollernschloss
Balingen, 10.03.2010 von Rosalinde Conzelmann
Es hat Tradition, dass das Frauenhaus den Weltfrauentag feiert – mit Frauen als Gäste. „Dieses Mal haben wir uns für eine Kulturveranstaltung der besonderen Art entschieden“, begrüßte Heike Schuller, Frauenhaus-Mitarbeiterin, die vielen Frauen und auch einige wenige Männer. Es mussten noch Stühle herbei geschafft werden für diesen besonderen Abend.
Bevor sich die Zuhörerinnen und Zuhörer entspannt zurücklehnen und das musikalische Programm der „AcaBellas“ aus vollen Zügen genießen durften, gab Schuller einen geschichtlichen Abriss über den Weltfrauentag, der am 8. März gefeiert wird. Der Gedenktag hat seine Wurzeln in den proletarischen Frauenkämpfen vor hundert Jahren. „Er war schon immer ein Gegenstück zum ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeführten Muttertages“, so Schuller.
Danach verlor der Tag etwas an Bedeutung, geschichtlich belegt ist zum Beispiel eine Veranstaltung in New York am 8. März 1908, bei der eine Vereinigung sozialdemokratischer Frauen für das Frauenwahlrecht kämpften. Im Nazi-Deutschland wurde der Internationale Frauentag verboten und der Muttertag zum offiziellen Feiertag erhoben. Nach 1945 war der Frauentag in den sozialistischen Ländern ein staatstragender Feiertag, im Westen hat er ziemlich an Bedeutung verloren, bis er in den 70er Jahren durch die neue Frauenbewegung wieder stärker ins Bewusstsein rückte.
Schuller ging auch auf die Gegenwart ein. So würden die Zukunftsforscher prognostizieren, „dass das Jahrhundert der Frauen begonnen hat.“ Eine Einschätzung, die die Frauenhausmitarbeiterin leider nicht bestätigen kann: „Dass wir von einer Gleichberechtigung der Frauen noch weit entfernt sind, ist in unserer Arbeit tagtäglich sichtbar.“ Mindestens jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren habe in ihrer Partnerschaft Gewalt erlebt. Vor 27 Jahren wurde das Frauenhaus gegründet. „Heute ist es zu einer unverzichtbaren Einrichtung in der sozialen Landschaft des Kreises geworden“, so das Resümee der Rednerin, die Platz machte für die „AcaBellas“.
Angekündigt als „extrem dynamischer Haufen“ wurden die elf Sängerinnen im Alter zwischen 32 und 50 Jahren diesem Ruf mehr als gerecht. Sympathisch witzige Ansagen, stimmungsvolle Balladen und frech-schwäbisch-pointierte Abwandlungen bekannter Melodien wechselten sich temporeich ab. Mal hielten die Zuhörer den Atem an, mal lachten sie lauthals mit. Herzerfrischend auch die Ausführungen über Speckröllchen, Diätenwahn und die Vorzüge der Frauen. Über allem aber eine großartige Musikalität und geballte Singfreude, die die Sängerinnen mit Christiane Blaas an der Spitze verbindet. Erst nach zwei Zugaben durften die „AcaBellas“ zum Dank für einen ungewöhnlichen Konzertabend, für den sie nichts verlangt hatten, jeweils eine Rose entgegennehmen und sich unter das Publikum mischen. Der Auftritt war ein toller Beweis dafür, wie unterhaltsam und geistreich geballte „Frauenpower“ sein kann.
