Lautstark gegen Großgefängnis
700 Demonstranten ziehen vors Rottweiler Rathaus – Zahlreiche Schlichemtäler mit dabei
Schömberg / Rottweil, 04.02.2010 von Daniel Seeburger
Mit derart vielen Teilnehmern hatte die am vergangenen Dienstag Abend gegründete Bürgerinitiative nicht gerechnet. Angeführt von den Musikvereinen aus Neukirch und Zepfenhan setzte sich der Demonstrationszug vom Schwarzen Tor aus in Gang zum Neuen Ratshaus, wo gestern Abend eine Gemeinderatssitzung zum Thema Großgefängnis stattfand. Im Hof des Rathauses hörte man immer wieder eine Parole: „Wir sind die Bürger !“ Unter die Klänge eines Trauermarsches mischten sich laute Trillerpfeifen und Rasseln. Die Forderung der Demonstranten war unmissverständlich: „Wir wollen kein Großgefängnis!“
Rottweils Oberbürgermeister Ralf Broß, der kurz zu den Demonstranten ging, wurde von einem Schneeball am Kopf getroffen. In der anschließenden Gemeinderatssitzung macht er seinem Ärger Luft: „Es macht mir nichts aus, wenn ich einen Schneeball von hinten an den Kopf bekomme“, erklärte er rief zu einer sachlichen Diskussion auf. Einer der Zepfenhaner Ortschaftsräte entschuldigte sich beim Oberbürgermeister.
„Wir befinden uns in einem Meinungsbildungsprozess“, erklärte der OB und musste sich Kritik von Gemeinderat Bernhard Pahlmann (FFR und PRoFI) gefallen lassen. Angesichts der gerade einmal 60 Sitzplätze für Zuhörer im Ratssaal bemängelte Pahlmann, dass die überwiegende Mehrzahl der Demonstranten vor der Tür bleiben müsse. Sein Antrag auf Vertagung der Sitzung wurde abgelehnt.
Die Stadtverwaltung stellte die verschiedenen untersuchten Standorte vor und wies darauf hin, dass sie dem Land lediglich Vorschläge mache, nicht aber Bauherr des Großgefängnisses sei.
Hans Gauser von der Bürgerinitiative, einer von zahlreichen Fragestellern, wollten wissen, mit welcher Begründung der ursprünglich als geeignet angesehen Standort „Im Esch“ in Villingendorf von den Räten abgelehnt worden war. „Es war der Druck der Straße“, rief ihm ein Gemeinderat zu. Die frühere stellvertretende Schömberger Bürgermeisterin Karin Wenzig-Luck appellierte an die Rottweiler Räte, über den Tellerrand hinauszublicken. „Wir sind auch betroffen und das Obere Schlichemtal lebt vom Tourismus. Eine JVA beeinflusst unseren Tourismus nachhaltig“.
„Wir stellen Bitzwäldle und Mittelberg zur Diskussion“, erklärte OB Broß und verwies darauf, dass man bisher dem Land noch kein Angebot unterbreitet habe und man auch keineswegs unter Zeitdruck stehe. Möglich sei, dass man beide, nur einen oder auch keinen Standort anbiete. Man müsse aber sachorientiert und sachlich diskutieren.
„Es ist unser Naherholungsgebiet“, sagte Ursula Berner von der Bürgerinitiative und verdeutlichte, dass es von Schömberg her eine freie Sicht auf das Gefängnis gebe. Sie sprach von „einschneidenden Veränderungen im dörflichen Leben“. Es habe auch etwas mit Emotionen zu tun, führte sie aus. „Und mit Angst“.
