Würfel manipuliert
Wende im Prozess um räuberische Erpressung
Zollernalbkreis, 21.01.2010 von Klaus Irion
Der Auftakt des mehrtägigen Prozesses war bereits in der vergangenen Woche. Fünf der sechs Angeklagten kommen aus dem Raum Karlsruhe, einer aus einer Kreisgemeinde. Zwei „Karlsruher“ erschienen vergangene Woche aber erst gar nicht vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Ernst Wührl. Die Folge: Sie wurden per Haftbefehl gesucht, bis zur gestrigen Verhandlung in U-Haft genommen. Am Ende des gestrigen Prozesstages hob Wührl auf Zuraten von Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Beiter die U-Haft auf.
Was den Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft betrifft, so sollen die fünf Karlsruher im vergangenen Jahr eigens in den Zollernalbkreis gereist sein, um hier dem sechsten Angeklagten – dem Inhaber einer Kneipe und Bruder eines der „Karlsruher“ – in privaten Geldangelegenheiten mit (körperlichem) Nachdruck beizustehen.
Von einer geplanten Aktion könne jedoch keineswegs die Rede sein, ließen drei der fünf Auswärtigen – die beiden Übrigen und der Kneipier machten keinerlei Angaben – Richter und Oberstaatsanwalt wissen. Vielmehr habe man in Karlsruhe spontan den Entschluss gefasst, einen „echten Männerabend“ durchzuziehen. Disko- und eventuell Bordellbesuch im Großraum Stuttgart inklusive. Warum die Fahrt dann zunächst nach Balingen und später nach Hechingen führte? Warum am Ende des Abends ein Mann am Kopf verletzt ins Krankenhaus musste? Diese Fragen sind bislang noch reichlich ungeklärt.
Ein klein wenig Licht ins Dunkel brachte das Prügelopfer, der einzige Zeuge, der gestern vernommen werden konnte. Denn seine Befragung durch Wührl und Beiter dauerte wesentlich länger als gedacht und wird in der kommenden Woche mit den Fragen der sechs Rechtsanwälte fortgesetzt. Grund: Der Mann, ein früherer Angestellter des Kneipiers, tischte dem Gericht, wie er nach der Androhung einer Haftstrafe wegen Falschaussage gestand, zunächst eine Lügengeschichte auf. „Ich hatte einfach furchtbare Angst.“
Was an der zweiten „wirklichen“ Aussage des Mannes alles stimmt, soll in den kommenden Wochen die Befragung weiterer Zeugen zeigen. Festzustehen scheint bislang Folgendes. Das Prügelopfer diente Zockern aus dem Kreis als Lockvogel. Mit seiner Hilfe soll der angeklagte Kneipier zu Würfelspielen verleitet worden sein. Der später Verprügelte wusste, dass die Würfel manipuliert worden waren. Der Kneipier soll deshalb bei mehreren Glückspiel-Treffen zu später Stunde hinter verschlossenen Türen um die 5000 Euro verloren haben. Diese vom Lockvogel zurückzubekommen, stecke, so vermutet Beiter, hinter der Fahrt der Karlsruher auf die Zollernalb.
