Weihnachten ist jetzt einfach anders
Sozialtherapeut Thomas Bäumer erzählt aus dem Elternhaus, auch die Gesichte der kleinen Laura
Zollernalbkreis-Tübingen, 19.12.2009
Er erzählt sie aus tiefer Betroffenheit, aus deutlich spürbarem, tiefem Schmerz – er erzählt sie, um die Bedeutung auch dieses Elternhauses neben der Tübinger Kinderklinik zu verdeutlichen. Mit der diesjährigen ZAK-Weihnachtsspendenaktion wollen wir mithelfen am Bau eines neuen, zeitgemäßeren und größeren Elternhauses. Denn . . .
„. . . plötzlich kann man sich das nicht mehr aussuchen, wo man die Weihnachtsfeiertage verbringt. Man wird fremdbestimmt und über die wichtigsten Feiertage im Jahr bleibt die Infusion zur Behandlung angeschlossen. Dieses Weihnachten wird man nie vergessen! Überhaupt ist das, was an Weihnachten in den betroffenen Familien passiert, immer etwas ganz besonderes. Weihnachten auf Station, Weihnachten zu Hause während der Behandlungszeit aber auch Weihnachten zu Hause, mit der kranken Tochter oder dem kranken Sohn, der nicht mehr gesund wird. Fällt die Nachricht, dass die Erkrankung zurückgekommen ist und man sie nicht mehr aufhalten kann, in die Zeit dieser Feiertage, brennt sich jeder weitere Tag für immer ins Gedächtnis der Eltern. Es wird klar, dass es eine weitere Weihnachtsfeier mit dem kranken Kind nicht mehr geben wird – für Eltern unvorstellbar!
„Seit mein Kind gestorben ist, ist Weihnachten für mich tatsächlich ein Wein-nachten“, beschreibt Birgit Walker aus Hechingen ihre Situation, nachdem ihre Tochter Sarah vor knapp zwei Jahren an ihrer Krebserkrankung gestorben ist. Wir hatten Frau Walker im Vorfeld zu diesem Artikel hierzu interviewt. Und sie fügt hinzu: „Es ist eine besondere Zeit, in der viele Tränen fließen, trotz aller Ankündigungen und Strategien, sie zu bewältigen. Es ist eine Zeit, in der viele Erinnerungen an besondere Tage wach werden, an vergangene Weihnachten oder Geburtstage – und nun ist es eben anders. Das wird im Vergleich so schmerzhaft deutlich. Und es sind Tage, an denen man es sich gut vorstellen kann, wie es anders, besser, leichter und schöner sein könnte.“
Mit dem Tod eines Kindes ist das Leiden der Eltern ja nicht vorbei. Es ist ein langer und sehr schmerzlicher Weg, auf den sich die einzelnen Familienmitglieder machen müssen. Das ist für uns auch der Grund, die Familien auch über den Tod des Kindes hinaus weiter zu betreuen. Wir bieten Gruppen für trauernde Eltern und für die hinterbliebenen Geschwister, Beratung für Einzelne und die gesamte Familie und jährliche Gedenkgottesdienste an, an denen bis zu 500 Personen teilnehmen.
Diese Nachsorge ist wichtig. Denn häufig werden die betroffenen Familien nach ein paar Monaten nicht mehr auf ihre verstorbenen Kinder angesprochen. Das bekommen die Mitarbeiter des Fördervereins häufig von den Eltern und den hinterbliebenen Geschwistern zu hören.
Birgit Walker beschreibt ihre Erfahrungen: „Vielleicht wissen andere gar nicht, dass ich froh bin, auf meine Tochter angesprochen zu werden. Manche sagen, sie wollen mich nicht traurig machen, wenn sie mich erinnern. Aber wir leben ja eh in der Erinnerung und in dem Verlust und mit dem Schmerz. Dann ist das, was eh da ist, ausgesprochen – und dann bin ich auch bereit, für die tausend und abertausend anderen Dinge, die es auch zu bereden gibt.“
An den Schilderungen von Birgit Walker wird das ganze Ausmaß der Situation deutlich. Weihnachten ist einfach nicht mehr, wie es vorher war. Aber man kann Weihnachten ja auch nicht ausfallen lassen. Die Geschwisterkinder wollen trotzdem ein schönes Weihnachtsfest ganz nach ihren Vorstellungen. Diesen Spagat zu bewältigen, ist für Eltern, Verwandte und Freunde eine enorme Aufgabe. „Helfen tut mir vor allem, wenn ich weiß, dass andere auch daran denken und es würdigen,“ nennt Birgit Walker ihre Vorstellung von hilfreicher Unterstützung im Umfeld ihrer Familie.
Eine Erfahrung, die Thomas Bäumer vom Förderverein nur bestätigen kann: „Wenn wir Familien in schwierigen Situationen signalisieren „Ich sehe Euch in Eurer besonderen Situation“, dann ist dies die erste Form der Unterstützung und ein kleiner Trost für die Betroffenen.“ Die Unterstützung von Familien mit einem krebskranken Kind, während der Behandlung und über den Tod hinaus, ist und bleibt deshalb für den Förderverein eine wichtige und lohnende Aufgabe. So können die Mitarbeiter des Fördervereins sich mit all denjenigen Familien, deren Kind wieder gesund wird, freuen, und den trauernden Eltern, Geschwistern und Großeltern über den Tod hinaus weiterhin zur Seite stehen. Mit dieser Hilfe und der Unterstützung der Menschen in ihrer Umgebung kann es sowohl in diesem als auch in den nächsten Jahren Weihnachten werden.
