Das Bekenntnis zur Kirche als ein revolutionärer Akt
Von der Studentenrevolte zum Katholizismus - Gabriele Kuby erzählt von ihrem persönlichen Glaubensweg - 200 Besucher
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"Die Christen werden Mystiker sein", sagte einmal der katholische Theologe Karl Rahner im Hinblick auf die Zukunft der Religiosität. Mit Gabriele Kuby kam am Donnerstag Abend auf Einladung der katholischen Kirchengemeinde eine moderne Mystikerin in die Stauseehalle.
"Wer sich heute zur Kirche bekennt, ist ein wahrer Revolutionär", begrüßte Schömbergs Stadtpfarrer Dr. Johannes Holdt die rund 200 Besucher in der Stauseehalle. Den Glauben als revolutionären Akt habe Gabriele Kuby erfahren, klärte er auf, bevor die studierte Soziologin, Autorin und Übersetzerin selbst ans Rednerpult trat.
"Beim Mystiker bricht das Bewusstsein durch, dass etwas Grundlegendes mit ihm geschehen ist", schreibt Otger Steggink im "Praktischen Lexikon der Spiritualität". Von ihrem eigenen grundlegenden Wandel erzählte Gabriele Kuby. Geboren in Oberbayern als Tochter des linken Publizisten und Schriftstellers Erich Kuby, studierte sie ab 1964 Soziologie in Berlin. 1967 war sie Mitglied des Allgemeinen Studentenausschusses und mitverantwortlich für die Organisation der Anti-Schah-Demonstrationen.
Auf einer Reise nach Spanien und Marokko habe sie erste spirituelle Erfahrungen gemacht, erzählt Gabriele Kuby. "Das Hören der letzten Beethoven-Sonate" beispielsweise habe sie sehr berührt.
Sie begibt sich auf die Suche nach Gott, forscht in der New-Age-Bewegung nach der Wahrheit. Sie sei in der "Sucher-Szene" gewesen, zusammen mit "Menschen, die überall suchen, nur nicht in der Kirche".
Nach einer tiefen Lebenskrise, der Trennung von ihrem Mann, "begann ich zum allerersten Mal in meinem Leben wirklich zu beten". Sie wendet sich dem Katholizismus zu und findet eine Beziehung zu Maria. Bei ihrer "Bekehrung" habe die Muttergottes eine wichtige Rolle gespielt, erzählt Gabriele Kuby. Ein Schlüsselerlebnis sei der Besuch des Marien- Erscheinungsortes Medjugorje gewesen. Dort habe sie bei einem Priester ihre "Lebensbeichte" abgelegt. Die Umkehr und Reue hat sich bei ihr auch körperlich manifestiert: "Wenn Gott uns berührt, fließen die Tränen".
Spiritueller Weg
In ihrem Buch "Mein Weg zu Maria. Von der Kraft des lebendingen Glaubens" gibt Gabriele Kuby Zeugnis von ihrem spirituellen Weg, der sie letztlich in die katholische Kirche führt. Ihren Glauben vertritt sie in Schömberg freundlich und offen. Ihre Botschaft aber ist eindeutig und kompromisslos. Der Bericht über ihren Lebensweg ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation in der katholischen Kirche. Es gebe immer weniger Gläubige und immer weniger Kirchgänger. Fromm zu sein "hat plötzlich ein G'schmäckle", analysiert sie und fragt: "Warum eigentlich ist fromm sein anrüchig"?
"Ich trage heute den Absolutheitsanspruch der Kirche mit", sagt die studierte Soziologin ihren Zuhörern, gibt aber auch zu, dass dieser Punkt für sie früher ein Haupthindernis auf dem Weg zur katholischen Kirche gewesen sei. Heute tritt Gabriele Kuby für Glaubensansichten ein, die selbst bei den deutschen Katholiken umstritten sind. Sie bekennt sich in Schömberg beispielsweise zu den von der Kirche bisher nicht anerkannten Marienerscheinungen im saarländischen Marpingen und hält flammende Plädoyers für den Papst ("der Archetyp des Vaters"), das Papsttum oder "Dominus Jesus", das heftig kritisierte jüngste Dokument der römischen Glaubenskongregation.
Gabriele Kuby habe "keine Vorlesung, sondern ein sehr persönliches Glaubenszeugnis" präsentiert, bedankt sich Pfarrer Dr. Johannes Holdt bei der Referentin.
Der Begriff Mystik meine im religionswissenschaftlichen Sinn die "das gewöhnliche Bewusstsein und die verstandesmäßige Erkenntnis über- steigende, unmittelbare Erfahrung der göttlichen oder transzendenten Realität", sagt Otger Steggink. Gabriele Kuby hat für sich diese göttliche Realität erfahren, das wurde in Schömberg deutlich. Deutlich wurde zudem, dass die Referentin wohl auch den zweiten Teil des zu Beginn zitierten Rahner-Ausspruchs unterschreiben könnte: "Die Christen werden Mystiker sein", sagte der katholische Konzils-Theologe, "oder sie werden nicht mehr sein".