ZAK-Gästebuch: "Heilige Kühe" gibt's nicht
Bernhard Glietsch sucht Kooperation und hat klare Vorstellungen
Neue Aufgaben bedingen neue Strukturen: Darin sind sich Jürgen Koch und Bernhard Glietsch einig. Koch übergab das Führungszepter der TSG Balingen vorige Woche an Bernhard Glietsch. Und der sagt: "Es gibt keine heiligen Kühe mehr."
Neun Jahre lang stand der Kriminalbeamte Jürgen Koch der TSG vor. "Neun schöne Jahre", sagt der scheidende Klubchef, der betont, "keineswegs im Streit aufgehört" zu haben. Vielmehr sei er zur festen Überzeugung gekommen, mit wachsender Routine eher weniger, denn mehr Frische in den Verein bringen zu können. Kurzum: "Ein neues Gesicht tut der TSG gut." Der "Neue" auf der Kommandobrücke, der selbstständige Unternehmer Bernhard Glietsch, ist mitnichten ein Unbekannter: Fußball- Abteilungsleiter war er schon, -beiratsvorsitzender noch immer. Zudem prägten den Wahl-Zollernälbler zehn Jahre als Landratsamts-Direktor und acht Jahre als Leiter des regionalen Rechenzentrums in Reutlingen. Der aus dem Filstal stammende Bernhard Glietsch kann unterm Strich auf über 30-jährige, ehrenamtliche Tätigkeit zurückblicken.
Strukturen zu ändern
"Wir müssen unsere Leistungen sichtbarer machen", meint der einstimmig gewählte TSG-Boss. Deshalb scheue er es nicht, "heilige Kühe" anzugehen. Will heißen: Strukturen müssten verändert, Vorgehensweisen überdacht werden. Glietsch: "Die Wirtschafts-Führung in den ersten Mannschaften der Hand- und Fußball-Abteilungen muss getrennt erfolgen." Damit liegt der Funktionärs-Routinier auf einer Wellenlänge mit seinem Vorgänger. Auch Jürgen Koch empfiehlt aus dem Gefühl der jahrelangen Erfahrung einen Umdenkungsprozess zu starten: Auslagerung des wirtschaftlichen Sportbetriebs, Vorantreiben der "Konzeption Au- Stadion" und die stärkere Berücksichtigung jugendlicher Trendsportarten. "In Ergänzung zur guten Nachwuchsarbeit", sagt Koch ausdrücklich. Glietschs Führungsstil soll ein kooperativer, progressiver sein: "Meine ersten Ansprechpartner sind mein Stellvertreter Walter Preg, Heinrich Bösenberg, Helmut Haigis und Jugendvertreter Stefan Seeberger. Einen Verein dieser Größenordnung kann man nur im Team führen." Die erste Aufgabe: "Im Einvernehmen mit den Entscheidungsträgern und altbewährten Kräften" eine Konzeption entwerfen. Hauptinhalte: Struktur, Struktur und nochmals Struktur. "Wir können uns nicht einzig und allein aufs Ehrenamt stützen", hat Glietsch erkannt. Denn wie überall, hat sich auch innerhalb der TSG Balingen in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten einiges geändert - im Anspruch und im Angebot: Der Verein auf den Spuren vom Beitrags-Empfänger zum Dienstleister. Jürgen Koch: "Die Entwicklungen sind nicht gut, aber nachvollziebar. Das Angebot ist allgemein sehr groß, deshalb sind auch die Vereine immer mehr gefordert." Beispiel Fluktuation: Waren es früher um die 30 Ein- und Austritte jährlich, so sind es heutzutage zehn Mal mehr. Die logische Erkenntnis: Der Verwaltungsaufwand nimmt immer mehr zu. Ganz zu schweigen von der Vereins-Steuerreform, den gekürzten Landesmitteln und den nach wie vor starren Verbands-Strukturen. Bei allem Veränderungs- und Modernisierungsdrang stellt Bernhard Glietsch die Gemeinnützigkeit als bleibendes und höchstes Gut der TSG heraus: "Sie bleibt unsere Hauptsäule, denn das eine ohne das andere geht nicht." Breitensport bedinge Spitzensport - und eben umgekehrt. Der Weg zum Ziel stelle sich trotzdem variantenreich dar: "Zwei Modelle habe ich im Kopf", macht es Bernhard Glietsch spannend. Denn: Verraten soll zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts werden. Als "Traumziel" bezeichnet der TSG-Vorsitzende die Errichtung eines Vereinsgebäudes, in dem "Leistungen gebündelt" werden könnten - etwa Verwaltung, Fitnessraum, Kommunikationszentrum. Ein näheres Streben ist das nach der raschen Veränderung des Au-Stadions, dessen Konzeption bereits von Jürgen Koch ins Laufen gebracht wurde. Erster sichtbarer Erfolg: Der Bau einer zusätzlichen Trainings-Rasenfläche (wir berichteten).
Erwartungen an Verwaltung
Klare Worte richtet Glietsch an die Stadtverwaltung: "Wenn man sich Sportstadt nennt, hat man auch eine Verpflichtung, Sportstätten in ausreichender Anzahl und Qualität bereitzustellen." Fraglos habe der "obere Bezirk" in diesem Punkt der Kreisstadt einiges voraus. "Von oben herab" möchte Bernhard Glietsch den Großverein nicht führen. Vielmehr fordert er die Stärke und Eigenständigkeit der Abteilungen ein: "Die TSG bildet das Dach, aber die Leistungen werden in den Abteilungen erbracht." So sieht's auch Jürgen Koch: "Der Vorsitzende ist der Erste unter Gleichen." Die TSG Balingen, 1848 gegründet, ist mit 2200 Beitragszahlern mitgliederstärkster Sportverein im Kreis. Beim Amtsantritt von Jürgen Koch 1991 waren 1800 TSG-Mitglieder registriert.