"Raus aus Kirchenmauern"
Jüngster deutscher Bischof zu Besuch bei ProChrist in Schömberg
Schömberg, 22.03.2000 von Daniel Seeburger
"ProChrist 2000" scheint sich immer mehr zu einem Selbst- läufer zu entwickeln. Rund 350 interessierte Christen aus dem ganzen Schlichemtal und Erzingen, davon rund die Hälfte erstmals dabei, fanden am Montag Abend den Weg in die Schömberger Stauseehalle und konnten dort den Rottenburger Weihbischof Thomas Maria Renz begrüßen.
Schon der Anfahrtsweg über den Palmbühl zwischen Dotternhausen und Schömberg kurz vor Veranstaltungsbeginn lässt ahnen, was einen in der Stauseehalle erwartet. Auto an Auto reiht sich auf dem schmalen Betonsträßchen. Das gemeinsame Ziel ist klar: Weihbischof Thomas Maria Renz, Pfarrer Ulrich Parzany, "ProChrist 2000".
Die katholischen und evangelischen Christen aus sämtlichen Schlichemtalgemeinden und Erzingen erwartet einmal mehr keine oberflächlichen Bekehrungsversuche im Stile eines naiven "Jesus liebt auch Dich", sondern Zusammengehörigkeitsgefühl mit ökumenischem Anspruch, tiefe religiöse Erfahrungen und fundierte theologische Ausführungen. Und für die ist einmal mehr der Essener Pfarrer Ulrich Parzany zuständig, der in der voll besetzten Bremer Stadthalle eine feurige, nachdenkliche, tief schürfende Predigt über das Thema "Grenzenloses Elend - Abstumpfen oder abhelfen?" hält.
Parzany besitzt außerordentliche rhetorische und charismatische Fähigkeiten und schafft es schon nach wenigen Minuten, die Gläubigen in der Schömberger Stauseehalle in seinen Bann zu ziehen. Er gestikuliert wild und flüstert, er ballt seine Hand zur Faust und breitet seine Arme weit aus. Parzanys schlägt in seiner Predigt über das Leid in der Welt den Bogen vom alttestamentlichen Hiob bis zur Taufe Jesus durch Johannes den Täufer im Johannes- Evangelium. "Leid ist eine tiefe Verletzung und reißt einem einfach die Füße weg", führt Parzany aus und legt den Finger in eine Wunde, die jeder Trauernde nur allzu gut kennt: "Leid macht unendlich einsam. Angesichts des sterbenden Kindes kann man nicht übers Wetter oder die Bundesliga reden und dann bleibt man einfach weg".
Im Vorfeld der Übertragung aus Bremen steht Weihbischof Thomas Maria Renz Rede und Antwort in der Stauseehalle. Renz ist mit seinen 42 Jahren der Benjamin des deutschen Episkopat. Mit schwungvollen Schritten erklimmt der Rottenburger Weihbischof die Stufen zur Bühne. Dort wird er von Theologiestundent Wolfgang Jockisch erwartet. Man solle selbstbewusst den Glauben leben, empfiehlt der Bischof, "kein anderes Evangelium verkündigen, aber das Evangelium anders verkündigen". Die Kirche müsse transparenter werden und mehr auf die Menschen zugehen. "Der Glaube wird heute immer mehr zu einer Tabuzone", bemängelt der Seelsorger und fordert: "Man muss den Glauben zur Sprache bringen".
Um Kirche und Gemeinde attraktiver zu machen, stellt Weihbischof Thomas Maria Renz Forderungen an die Gläubigen: "Wir müssen raus aus den Kirchenmauern. Von einer 'Komm-her-Kirche' sollten wir eine 'Geh-hin-Kirche' werden". Deutlich auch seine Ausführungen zur Gemeinsamkeit der Konfessionen: "Es gibt ökumenisch so viele Möglichkeiten", sagt Renz, "wir sollten so viel wie möglich gemeinsam machen". Der große Applaus für diese Aussage geht von Schömbergs katholischem Stadtpfarrer Dr. Johannes Holdt, seinem Dotternhausener Amtskollegen Dr. Sebastian Mukoma und dem evangelischen Pfarrer Christhardt Seidel aus.
Nach der knapp zweistündigen seelischen Nahrung sorgt das Bistroteam aus Dotternhausen dafür, dass auch der Gaumen nicht zu kurz kommt. Am heutigen Mittwoch, 22. März, geht es in der Stauseehalle um das Thema "Grenzenlose Kommunikation - Wer reisst unsichtbare Mauern ein?" Mit dabei sind die Gesangsgruppe "Wahnsinn im 3/4-Takt" aus Schömberg und die Bistroteams aus Täbingen und Zimmern u. d. B. Beginn ist um 19.30 Uhr.
