Bonner Käseglocke fehlt
Annette Widmann-Mauz über rote Politik und schwarze Konten
Balingen, 11.12.1999 von Karl-Otto Müller
56 der 665 Abgeordneten im deutschen Bundestag seien blutige Berufsanfänger, Einsteiger, wetterte jüngst in Dotternhausens "Werkforum" der Mittelstandslobbyist Mario Ohoven lautstark. - Eine dieser jungen Politikerinnen kommt aus Balingen: Annette Widmann-Mauz, 33 Jahre alt.
Aus dem Tübinger Hörsaal in den Berliner Reichstag, von der Mensa am Neckar in die Bundestagskantine an der Spree. Für die junge CDU-Politikerin ein konsequent-geradliniger Weg, eine seit langem schon sich abzeichnende Polit-Karriere. Seit einem Jahr genießt sie das Privileg, die Geschicke Deutschlands in vorderster Linie mitbestimmen zu können. "Zwar nur in der Opposition", räumt sie ein, "doch lässt sich auch von hier aus manches für ihren Wahlkreis bewegen." Sei es Hilfe in Einzelschicksalen, sei es Verständnis zu wecken für lokale Probleme im Wahlkreis. Oder ihr viel-beachteter Antrag zum Holocaust-Mahnmal, die Liste der Opfer auszudehnen. Gut und gerne 600 Anfragen hätte sie wohl in diesen ersten zwölf Monaten formuliert, ein zweiköpfiges, effizientes Team im eigenen Abgeordnetenbüro zur Seite.
Ihr Wahlkreis, das ist der Kreis Tübingen-Hechingen. Der Nachbarwahlkreis ihrer Heimatstadt, der sie allerdings bis heute mehr als nur mit ihrem Balinger Wohnsitz verbunden sei. Und mehr als nur über ihr gleichzeitiges Kreistagsmandat. Wo es gilt, politische Flagge zu zeigen, meldet sie sich zu Wort. Die beide Kreise grundsätzlich verbindenden oder tangierenden Verkehrsachsen - ob Schiene oder Asphalt - liege ihr ebenso am Herzen, wie die oftmals ebenfalls beide Kreise berührende Gesundheitsreform. "Natürlich wirkt sich hier Berliner Politik bis auf die Alb aus", könnte sie endlos Beispiele nennen. Und natürlich müsse sie als Oppositionspolitikerin immer wieder Position beziehen.
Zu gerne würde sie ihr mittlerweile einjähriges politisches Wirken in Berlin - immerhin an über 22 Wochen im vergangenen Jahr - in seitenlangen Erklärungen an ihre Wähler im Wahlkreis mitteilen. Dies geschieht jedoch oftmals in zahllosen persönlichen Gesprächen bei der ebenso intensiven Wahlkreis-Arbeit, den Wochenendterminen von Festle zu Festle.
Ihr erstes Jahr. Auch für sie war so vieles neu, so dass ihre Bilanz Bücher füllen würde. Erstmals nach 16 Jahren in der Opposition, erstmals als Bundestag in der neuen Hauptstadt Berlin, als einer von 56 Youngstern unter alten Hasen. Vorwürfe gegen letzteres lässt sie nicht zu: "Das Parlament muss Spiegel unserer Gesellschaft sein, verschiedenen Interessen muss die Politik gerecht werden, also dürfen nicht nur Beamte, nicht nur Männer, nicht nur reifere Semester die Geschicke Deutschlands bestimmen".
Schon früh war es ihr Ziel mitzubestimmen. Dieses Ziel bestimmte ihre politische Karriere. Junge Union, CDU, Frauenunion. Es sei ihr Verständnis von Demokratie: "Mitmachen, mitreden". Letzteres fiel ihr noch nie schwer. Auch nicht in Berlin. Geübte Beredsamkeit sicherte ihr schon mehrfach gute Platzierungen auf den begehrten Rednerlisten des Bundestags. Die Positionen der in Oppositionsarbeit doch etwas ungeübten CDU wollen ebenso ein- wie nachdrücklich verdeutlicht sein, gerade aus ihrer Arbeit im Gesundheitsausschuss. In der nächsten Woche hätte sie bereits ihren sechsten Auftritt.
"Überdurchschnittlich", sagt sie stolz und vergleicht mit ihresgleichen. Das sich selbst aber doch auch wieder hierarchisch und respektvoll einordnet - unter die telegenen Polit- Größen eines Schröders, Scharpings, Fischers oder Schäubles.
"Wenngleich in Berlin", so ihre bisherigen Erfahrungen, "alles so ganz anders ist wie unter der Käseglocke Bonns". Sie genieße das pulsierende Leben in all seinen Schattierungen, Weltgrößen überflügeln deutsche Politgrößen - und neue Armut stelle sich mondänem Glimmer entgegen. "In Berlin erleben wir alles auf engstem Raum", sagt Annette Widmann-Mauz, "und das tut der Politik und der Demokratie gut".
Ach ja, was sie bei der Anmeldung (vor vier Wochen bereits) ihres ersten Redaktionsbesuchs noch nicht wissen konnte: Die CDU gerät mit ominöser Schwarzkonten-Affäre ins Schlingern. Frau Widmann-Mauz, ihre Meinung dazu?
"Gerne wollte auch ich die Motivation Helmut Kohls für solche Kassenführung kennen, und was er mit den Geldern wollte," sagt sie und spricht mit nach wie vor bekennendem Respekt gegenüber dem Einheits-Kanzler von "Unkorrektheit", von "scharfer Verurteilung" und "gestörtem Vertrauen" innerhalb der CDU. Denn um diese ginge es schließlich. "Sitzen wir doch alle im gleichen Boot, das bis vor wenigen Wochen auf so gutem Kurs und so erfolgreich in Fahrt war - auch wenn uns manches dabei in den Schoß gefallen ist". Doch auch oppositionelle Kampagnen-Arbeit, wie die gegen die neue 630 Mark-Regelung, sei "solide Arbeit" gewesen.
