Wie wird die Gnade vermittelt?

Für Schömbergs Pfarrer Dr. Johannes Holdt ein guter Schritt

Balingen, 03.11.1999

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Nach fast 500 Jahren der Spaltung versuchen die großen Volkskirchen des abendländischen Christentums sich in der Kernfrage der Rechtfertigung zu nähern - Das Thema beherrschte die Schlagzeilen des Wochenendes mit Reformationstag und Allerheiligen. Zur "gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" baten wir Dr. Johannes Holdt (Bild), katholischer Pfarrer in Schömberg, um eine persönliche Stellungnahme: "Als ein "historisches Ereignis" hat Kardinal Cassidy, Präsident des vatikanischen "Rats für die Einheit der Christen" die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre bezeichnet. Auch für Papst Johannes Paul II. sei die Erklärung ein Anlaß zu großer Freude und ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Einheit. - Worin liegt die Bedeutung dieses Konsenspapiers von Katholischer Kirche und Lutherischem Weltbund? Die Lehre von der Rechtfertigung des sündigen Menschen allein aus Gnade, unabhängig von verdienstlichen Werken, stellt besonders für die evangelische Christenheit den "summus articulus", das wichtigste Prinzip des Glaubens dar. Bekanntlich bedeutete diese Erkenntnis für Martin Luther den befreienden Durchbruch bei seinem quälenden Ringen um die Frage der Erlösung ("Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?"). Dabei war diese Lehre keineswegs neu. So hatte Luther bei jeder Zelebration der Heiligen Messe die Worte des Meßkanons gesprochen: "Wäge (o Gott) nicht unser Verdienst, sondern schenke gnädig Verzeihung und gib uns das Erbe des Himmels". Allerdings hatte eine in mancherlei Hinsicht veräußerlichte kirchliche Praxis die Aussicht auf den gnädigen und barmherzigen Gott verdunkelt. Luthers Kritik wirkte insofern auch heilsam auf die Katholische Kirche. Wenn die Gemeinsame Erklärung feststellt, dass heute - 500 Jahre nach der tragischen Glaubensspaltung - grundlegende Einigkeit in Bezug auf die Rechtfertigungslehre besteht, dann ist damit tatsächlich etwas Bedeutendes auf dem Weg der Ökumene geschehen. Es stellt sich allerdings die Frage, worin denn die bleibenden Differenzen der Konfessionen liegen, die der vollen Kirchengemeinschaft noch im Weg stehen. Sie bestehen - vereinfacht gesagt - weniger im "Dass" als im "Wie" der Rechtfertigung. - Gemäß katholischer Auffassung hat die Gnade ( =die Liebe, die Vergebung, das Heilshandeln) Gottes "inkarnatorische Struktur" , das heißt: sie wird sichtbar, hörbar, faßbar, leibhaftig in der Kirche als dem geschichtlichen Leib Christi. In der Kirche geschieht nach den Worten des großen Tübinger Theologen Johann Adam Möhler die "fortgesetzte Fleischwerdung des Sohnes Gottes", besonders in der bevollmächtigten Verkündigung und in den Sakramenten, am dichtesten und konkretesten in der Eucharistie. Wenn ich recht sehe, scheiden sich an diesem Punkt - also der kirchlichen Vermittlung der Gnade - nach wie vor die Geister. Und dennoch müssen wir über das Gemeinsame froh sein und - das ist besonders wichtig - es nach außen vertreten. Die Rechtfertigungslehre sagt: Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen, er ist ganz und gar auf Gottes vergebende und heilende Liebe angewiesen. Alle Versuche der Selbsterlösung - ob im Zeichen von Technik- und Wissenschaftsglaube oder von Esoterik und New Age -- sind Holzwege. Wenn das keine spannende Botschaft für den modernen Menschen ist! Wenn die Glaubenden aller christlichen Konfessionen sich auf dieser gemeinsamen Grundlage treffen, wenn sie sich selbst wieder entschieden auf Gott und Jesus Christus ausrichten, dann sind sie sich heute schon sehr nahe, wie wir in Schömberg es bei der Vorbereitung der interkonfessionellen Verkündigungswoche "Pro Christ 2000" erleben."

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