Ihr Spitzname: Das "Flugzeug" von Natal
Der Arbeitskreis "Eine Welt" unterstützt die Erlaheimer Schwester Sophie in Südafrika
Balingen, 30.10.1999 von Karl-Otto Müller
"Wenn man lacht, bekommt man alles". Und mit ihren Liedern erobert sie noch heute die Herzen ihrer Mitmenschen. Schwester Sophie, gebürtige Erlaheimerin, erzählt - aus dem fernen Afrika und aus 64 Jahren Missionstätigkeit.
Sie lacht. Und schon hat sie wieder etwas bekommen: Fünf Tausender vom Balinger Arbeitskreis "Eine Welt". Vorsitzender Michael Weckenmann überreichte ihr den Betrag in der ZAK-Redaktion. Der Erlös der letztjährigen Sternsinger-Aktion in Balingen, aufgerundet vom Arbeitskreis. Zu verwenden, so der Beschluß des Kreises, für die Arbeit der Ordensschwester an den Kindern in Südafrika. Genau gesagt in Natal. Dort wird sie bereits erwartet. In wenigen Tagen geht's los. Sie sehnt sich geradezu danach. Zumal der Winter vor der Tür steht. Schwester Sophie, mit bürgerlichem Namen Sophie Walter, der Vater Reinhard Walter war aus Erlaheim, die Mutter Katharina Wager aus Dautmergen, hat schon seit 64 Jahren keinen Schnee mehr gesehen. Und "ich will ihn auch nicht mehr sehen".
45 Grad zeigt das Quecksilber am Dienstag dieser Woche an ihrem Zielort. Natal, an der Westküste Südafrikas. Ehemals englische Kolonie. Als sie vor über sechs Jahrzehnten ihre Missionstätigkeit dort begann, war wenig, fast nichts. Keine Häuser an der Küste. Heute stehen dort Wolkenkratzer. Moslems und Hindus, und natürlich Europäer besitzen imposante Häuser.
Doch im Land der Apartheit gibt es auch die andere Facette des Daseins. Armut und Hungersnot. Das ist das "Reich" von Schwester Sophie.
1931 trat die damalige Sekretärin als Novizin dem Franziskanerinnen- Orden bei. Der Weg führte sie über Wien nach Südafrika, in die Hafenstadt Durban. Sie kam als Lehrerin. Ihre ersten ABC-Schützen, 113 an der Zahl, waren gleichfalls ihre Lehrer. Sie musste Zulu lernen, die Kleinen (immerhin bis zu 13 Jahre alt) lernten Lesen, Schreiben und Englisch. Später auch Afrikaans. 30 Jahre wirkte sie als Hauptlehrerin, acht weitere Jahre an der Inder- Schule.
Nicht nur das Gelübde hielt sie in Afrika. Es ist ihre Welt. Ihr Zuhause. Bis 1969 war es ihr verboten, nach Deutschland zurückzukehren. Erst Papst Johannes 23. hatte die Zügel etwas gelockert. Dennoch waren die familiären Kontakte niemals abgebrochen, auf die Unterstützung ihrer Geschwister konnte sie sich stets verlassen. Denn woran es stets mangelte und heute noch mangelt, ist Geld. Es fehle am Notwendigsten. Von Anfang an beschränkte sich die Arbeit der Nonnen nicht allein auf das Unterrichten, vielmehr packten sie selbst mit an. "Wir bauten Häuser, gruben Brunnen, lehrten die Frauen ihre Kleider zu nähen", zählt Schwester Sophie auf.
Sie nähe auch ihre Kleider selbst, ebenso gewandt wie stolz führt sie das Werk vor. Die Stoffe erbettelt sie sich in südafrikanischen Textilfirmen. Überhaupt gehöre Betteln zu einer ihrer vorrangigsten Arbeiten. Bei den Wohlhabenden erbetteln, um damit den Armen zu helfen. Seien es Stoffe oder Gewürze, Bücher oder Baumaterialien. "Zement genügt uns, daraus bauen wir uns Bausteine selbst", schildert sie die Vorgehensweise. Und daraus wiederum baut sie Häuser, 20 Quadratmeter groß, mit drei Zimmern, Küche und Veranda. Bis vor kurzem noch. "Ich bin im 87. Lebensjahr", wiederholt sie mehrfach.
"Im Alter wächst man wieder rückwärts, wird kleiner", lacht sie, und bringt ihre Begleiter beim Treppenlauf fast mühelos in Atemnot. Sie macht ihrem Spitznamen alle Ehre: "Flugzeug sagen sie in Afrika zu mir, denn bei uns hat jeder einen Nickname (engl.: Spitzname)". Ihres schnellen Schrittes wegen. Denn Gehen war viele Jahrzehnte die ausschließliche Fortbewegung für die Franziskanerinnen. Sie selbst hat zum diamantenen Ordensjubiläum (60 Jahre) von ihrem Bruder ein Auto bekommen. Und seitdem kann sie noch effizienter helfen. Mit Essenspaketen fährt sie über Land, überall herzlich willkommen.
Ihr Arbeitsalltag - wie sie ihn seit sechs Jahrzehnten praktiziert: 5 Uhr Aufstehen, 5.30 Uhr Meditation in der Kirche, 7 Uhr Frühstück- bis 22 Uhr Arbeiten. Sieben Tage in der Woche. Dazu gehören regelmäßige Besuche an Krankenbetten, das Waisenhaus, zwei Kindergärten und die Suppenhäuser für die Ärmsten der Armen.
Gesammeltes Regenwasser mit Mais, Reis, Sojabohnen werden zubereitet und ausgeteilt. "Wenigstens eine Mahlzeit pro Tag für jeden", leidet sie mit ihren Mitmenschen. Einmal in der Woche wenigstens sollte Wurst dabei sein, bemüht sie sich nach Kräften.
Das Elend sei dennoch kaum zu übersehen: Hungersnot, wachsende Wassernot, Gelbsucht und Aids. "Zwei von drei Kindern tragen diese heimtückische Krankheit von Geburt an in sich", sagt sie. Und bewundert vor allem ihre methodistischen Kollegeinnen und Kollegen, die sich dieser Kinder annehmen.
Sie will wieder zurück. Für sie ist es längst Heimat, denn "ich bin keine Deutsche mehr, ich habe einen südafrikanischen Pass." Ein deutsches Papier sei ihr verweigert worden. Und sie darf zurück. Ihr Orden, der zu Jahresbeginn vier Häuser in Südafrika geschlossen hatte und sie damit nach Hause holte, entsendet sie, die heute 87jährige erneut.
Demnächst fliegt sie wieder nach Südafrika. Die Hilfen, die ihr der Balinger Arbeitskreis "Eine Welt" mit auf den Weg gibt, ermöglichen mindestens 100 Kindern weiteren Schulbesuch. Denn die Regierung verlange heute Schulgeld, umgerechnet 40 Mark pro Kind und Schuljahr. Und Schule sei für die Entwicklung dieser 23 verschiedenen Stämme, die dort zusammenleben müssen, von elementarer Bedeutung. Gründend auf festem Glauben, weiß sie wohl, dass es stets wichtiger war, den Menschen "right living" zu lehren als "unsere Religion".
Gottesdienste feiert sie heute mit allen gemeinsam, ob Hindus, Moslems, Zulus - und, freut sie sich, in "meine Schlußlieder stimmen alle mit ein: Muss i denn, muss i denn zum Städtle hinaus . . ."
