SAUBERES AUTO: Der baden-württembergische Wirtschaftsminister macht sich stark für den Wegfall des Sonntags-Waschverbotes. Er erntet im Kreis unterschiedliche Reaktionen.
SAUBERES AUTO: Der baden-württembergische Wirtschaftsminister macht sich stark für den Wegfall des Sonntags-Waschverbotes. Er erntet im Kreis unterschiedliche Reaktionen. Foto: Gudrun Stoll.

Zollernalbkreis, 23.01.2006

Wackelt der Sonntag ?

Minister Pfister will "Nägel mit Köpfen machen"

Wackelt der Sonntag ?
Sonntags das Auto durch die Waschstraße fahren ? In Schleswig Holstein und Hessen erlaubt, in Österreich, Italien und der Schweiz gang und gäbe. Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Ernst Pfister will dem Beispiel folgen. Sofort nach der Landtagswahl, teilte der stellvertretende Ministerpräsident vorige Woche mit, "müssen wir Nägel mit Köpfen machen".
Paolo und Andric reagieren mit Kopfschütteln: Beide sind in der Balinger Waschstraße der Merz KG im Industriegebiet Gehrn beschäftigt, dampfen die Autos ab, bevor die robusten Rundbürsten Staub, Dreck und Salz auf dem Lack zu Leibe rücken, halten die Anlage in Schuss. Die beiden Männer, aus Italien und Kroatien stammend, können sich nicht vorstellen, dass fürs blank geputzte Auto auch noch der Sonntag geopfert werden soll. Der sei doch ganz besonders wichtig für die Familie und die Kirche. Auch Dr. Claudia Neugebauer-Huttenlocher hat Vorbehalte. Sie ist Mitinhaberin des Balinger Unternehmens und von zwei weiteren Anlagen in Albstadt und Hechingen, die ebenfalls Service-Personal beschäftigen. Sechs Tage in der Woche müssten eigentlich für Einkäufe und Autowäsche ausreichen, sagt die Ärztin aus Meßstetten. "Ich würde eine Öffnung am Sonntag nicht mitmachen", ergänzt sie - schon aus Rücksicht auf die Mitarbeiter, die samstags von 7 bis 18 im Einsatz stehen.

Wer samstags keine Zeit habe, sein Auto zu waschen, brauche auch am Sonntag keine zusätzliche Dienstleistung, bewertet Karl-Heinz Remmlinger aus Balingen den Vorstoß des Wirtschaftsministers ebenfalls recht skeptisch. Christine Schindler, die zur gleichen Zeit in der Nachbarbox ihren Wagen auf Vordermann bringt, ist gleicher Meinung. "Die Autowäsche kann ich unter der Woche erledigen", betont die Geislingerin.

Offene Türen eingerannt

Ein "Symbol bürokratischer Überregulierung und Gängelei", so der Minister, solle verschwinden: Bei der Kfz-Innung Zollernalb hat Ernst Pfister mit seinem Vorstoß offene Türen eingerannt. "Je eher das Sonntags-Waschverbot fällt, desto besser für alle", betont Pressesprecher Horst Sauter für die 140 Innungs-Betriebe im Kreis, darunter auch ein gutes Dutzend Tankstellen. Dass die Branche auf der Seite des Ministers stehe, habe wirtschaftliche Gründe, ergänzt Sauter und verweist auf die Situation der Tankstellenbetreiber, von denen eh erwartet werde, fast rund um die Uhr für ihre Kunden da zu sein.

Sonntagsarbeit gehört für Peter Müller und seine Mitarbeiter zum selbstverständlichen Service. Müller betreibt in Geislingen eine Tankstelle mit automatischer Waschstraße. Die Initiative des Ministers sei "begrüßenswert", spricht auch er sich für den Wegfall des sonntäglichen Waschverbotes aus. Die Anlage könne besser ausgelastet werden, für das ohnehin im Dienst stehende Personal sei der Verkauf der Chips kein großer Aufwand.

Minister Pfister kann auf weiteren Rückhalt bauen: Die "clean park" GmbH - das Unternehmen mit Sitz in Winnenden betreibt zahlreiche Filialen mit automatischen Waschstraßen - hat über das Internet eine Unterschriftenaktion gestartet, um das Sonntagsverbot mit Unterstützung der Verbraucher zu Fall zu bringen.

Die Hoffnungen der Befürworter einer Liberalisierung ruhen auf Bayern, dessen Kabinett im Juni vorigen Jahres einen entsprechenden Gesetzesentwurf beschlossen hat, der momentan im Landtag beraten wird. Wenn die bayerischen Städte und Gemeinden künftig selbst entscheiden können, ob sie den Betrieb von Autowaschanlagen auch an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr zulassen, werde Baden-Württemberg das Verbot wohl auch kippen, heißt es in Insiderkreisen.

Im Zollernalbkreis habe man vernünftige Lösungen gefunden, um den Sonntag als "kulturell-gesellschaftliches Gut" zu erhalten, verweist der evangelische Dekan Martin Seitz auf die verkaufsoffenen Sonntage in den größeren Städten und Gemeinden, die nur einmal im Jahr stattfinden. Die Gesellschaft brauche einen gemeinsamen Tag, um zur Ruhe zu kommen, sieht er die Pläne für eine weitere Aufweichung der Sonntagsverbote recht kritisch.

Im Zentrum der katholischen Kirche gelte kein Sonntags-Waschverbot, schreibt eine Passauer Zeitung. Selbst in der Nähe des Petersdomes herrsche Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Zu seinen Stammkunden am Sonntag würden die Chauffeure des Vatikans zählen, hat der dortige Tankstellenbesitzer einem bayerischen CSU-Landtagsabgeordneten erzählt, der sich eigens in die Ewige Stadt aufgemacht hat, um Argumente für eine Lockerung im Freistaat nördlich der Alpen zu sammeln.

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In der Diskussion

  1. Albstadt, 25.08.2014

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