Balingen, 26.01.2013

Balingens schlummernder Ehrenbürger

Umstrittener Reichspräsident Paul von Hindenburg ist in der Kreisstadt heute noch offen und verdeckt präsent

Balingens schlummernder Ehrenbürger
Sollte die Balinger Hindenburgstraße umbenannt und dem Reichspräsidenten posthum die Balinger Ehrenbürgerwürde förmlich aberkannt werden? Hindenburg-Debatten sind andernorts längst im Gange.

Welchen Anteil hatte der frühere Reichspräsident Paul von Hindenburg an Hitlers Machtübernahme, die sich kommenden Mittwoch zum 80. Mal jährt? Bis zum heutigen streiten sich die historisch Gelehrten darüber. Und bis zum heutigen Tag ist von Hindenburg eine der umstrittensten Figuren der jüngeren deutschen Geschichte. Fakt ist: Er war es, der am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte. Für die einen verkörpert er dennoch schlicht den letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, anderen gilt er gerade deswegen als Wegbereiter für Hitlers Machtübernahme und die anschließende zwölfjährige Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten.

In diesem historischen Zwiespalt standen wohl auch die Mitglieder des Balinger Beirats, als sie am 14. Juni 1946 zu einer Sitzung zusammenkamen. Auf der damaligen Tagesordnung stand unter anderem die „Aberkennung von Ehrenbürgerrechten“. Dem im Balinger Stadtarchiv aufbewahrten Protokoll ist Folgendes zu entnehmen:

„Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde das Ehrenbürgerrecht der Kreisstadt Balingen an nachgenannte Persönlichkeiten verliehen: 1. Am 23.3.1933 dem Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg, 2. am 23.3.1933 dem Württ. Staatspräsdidenten Wilhelm Murr und am 13.11.1933 dem Kreisleiter und Stadtrat Emil Kiener. Es ist nun zu prüfen, wie weit diese Ehrungen heute noch aufrecht erhalten werden können. Während bei dem verst. Reichspräsidenten Generalfeldmarschall Hindenburg die Meinungen geteilt sind, besteht Einmütigkeit darüber, dass den 3 Letztgenannten das Ehrenbürgerrecht entzogen werden soll und der Beirat beschließt dementsprechend.“

Dem bereits im Jahr 1934 verstorbenen Paul von Hindenburg blieb demnach auch posthum die Balinger Ehrenbürgerwürde erhalten. „Und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert“, sagt Balingens Stadtarchivar Hans Schimpf-Reinhardt. Der Fall Hindenburg sei nach 1946 nicht mehr Gegenstand kommunalpolitischer Debatten und Entscheidungen gewesen. „Man könnte ihn quasi als schlummernden Ehrenbürger bezeichnen“, so Schimpf-Reinhardt. Schlummernd deshalb, weil der Name von Hindenburg längst nicht mehr in der offiziell verbreiteten Liste der Balinger Ehrenbürger erscheint.

Dem Balingen des Jahres 1933 fiel durch die Ernennung von Hindenburgs zum Ehrenbürger keine Sonderrolle zu. Im Deutschen Reich wurde dem Reichspräsidenten diese Ehre laut Wikipedia wohl in 3824 Städten und Gemeinden zuteil. Die zeitgleiche Balinger Ehrenbürgerwürde für Hitler und für von Hindenburg kam aber auch nicht ganz von ungefähr. Galt die heutige Kreisstadt doch schon Anfang der 1930er-Jahre als „nationalsozialistische Hochburg“, wie Stadtarchivar Schimpf-Reinhardt anlässlich eines Vortrags bei der Sommerakademie „Nationalsozialismus und Widerstand“ des Zollernalb Jugendrings im Jahr 1994 erläutert hatte. Sämtliche Vorträge dieser Sommerakademie wurden im Jahr darauf als Büchlein veröffentlicht. Titel: „Verblendung, Mord und Widerstand, Aspekte nationalsozialistischer Unrechtsherrschaft im Gebiet des heutigen Zollernalbkreises von 1933 – 1945“.

Bei den Landtagswahlen im April 1932 errang die NSDAP in Balingen 36,9 Prozent der Stimmen, landesweit kam die Nationalsozialisten auf 26,3 Prozent. Entsprechend selbstherrlich und auch zunehmend aggressiv agierten Balinger NSDAP-Anhänger in den Wochen und und Monaten nach der am 30. Januar 1933 durch von Hindenburg erfolgten Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Nachzuverfolgen in Artikeln der damaligen Tageszeitung „Balinger Volksfreund“. Besonders zu spüren bekamen dies seinerzeit die hiesigen Kommunisten und Sozialdemokraten, denen tagtäglich die Verhaftung und Internierung im KZ Heuberg drohte.

Auch am Balinger Gemeinderat ging Hitlers Machtübernahme nicht spurlos vorbei. Historikerin Margarete Steinhart kam in ihrem 1991 erschienen Buch „Balingen 1918 bis 1948. Kleinstadt im Wandel“ zu folgendem Schluss: „So veränderte sich mit dem Einzug der Nationalsozialisten die Struktur des Gemeinderats vom Honoratiorengremium zum parteipolitischen Kader.“ Als das kommunale Gremium am 23. März 1933 zusammenkam, hatten die SPD-Räte bereits „freiwillig“ ihre Plätze geräumt. Abgesehen von zwei Stadträten aus dem bürgerlichen Lager gehörten nun ausschließlich „Braunhemden“ dem Gremium an. Am Ende dieser Sitzung hatte der Gemeinderat Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg die Ehrenbürgerrechte verliehen, sowie die Ebertstraße in Adolf-Hitler-Straße und den Friedensplatz in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Im Sitzungsprotokoll heißt es dazu: „Diese Anträge werden vom Gemeinderat einstimmig angenommen. Der Vorsitzende wird ermächtigt, den Geehrten die Ehrungen brieflich mitzuteilen.“

Das Kuriosum an dieser Angelegenheit: Dem Sitzungsprotokoll ist zu entnehmen, dass nicht ein NSDAP-Stadtrat, sondern einer der beiden verbliebenen bürgerlichen Stadträte die Ehrenbürgerschaften für von Hindenburg und für Hitler beantragt hatte. Margarete Steinhart mutmaßt in ihrem Buch, dass man „das Verhalten des bürgerlichen Gemeinderates nur als Flucht nach vorne deuten kann, ein Übereifer, der durch den allgemeinen Druck erzeugt worden war“.

Wie dem auch sei, der ebenfalls zunehmend unter NSDAP-Druck geratene Balinger Bürgermeister „Hermann Rommel“ tat wie ihm vom Gemeinderat geheißen, „den Geehrten die Ehrungen brieflich mitzuteilen“, wie es im Sitzungsprotokoll vermerkt wurde. Ein Dankesschreiben von Reichspräsident von Hindenburg, das im „Balinger Volksfreund“ veröffentlicht wurde, ließ nicht lange auf sich warten. Darin hieß es: „Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Für die Ehrung, die mir der Gemeinderat der Stadt Balingen durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechts erwiesen hat, spreche ich meinen Dank aus. Ich nehme die Ehrung gern an und sende Ihnen und meinen neuen Mitbürgern meine herzlichen Grüße und meine besten Wünsche für die Zukunft der Stadt Balingen (gez. von Hindenburg)“. Etwas über ein Jahr später verstarb von Hindenburg im Alter von 86 Jahren

Juristisch betrachtet enden mit dem Tod eines Ehrenbürgers verständlicherweise auch dessen Ehrenbürgerrechte. So auch bei von Hindenburg. Gleichwohl wurden in deutschen Städten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder Debatten angestoßen, ob die jeweilige Ehrenbürgerwürde Hindenburgs nicht trotzdem auch noch formal per Gemeinderatsbeschluss aberkannt werden sollte. So geschehen beispielsweise in Stuttgart im Jahr 2010. Lediglich ein Stadtrat der Republikaner votierte seinerzeit gegen den Antrag der Stadtverwaltung.

Aktuelle Debatten laufen in Brandenburg und Potsdam. In der letztgenannten Stadt war im Jahr 2003 ein erster Aberkennungs-Anlauf gescheitert. In Münster wiederum wurde im vergangenen Jahr der Hindenburgplatz wieder in seinen ursprünglichen Namen Schlossplatz zurückbenannt.

Wobei es nicht immer nur Großstädte sind, die das umstrittene Namenserbe beenden möchten. So macht man sich in Bad Säckingen im Landkreis Lörrach schon seit Jahren Gedanken darüber, ob eine örtliche Grundschule, die wohl als letzte Schule überhaupt in der gesamten Bundesrepublik den Reichspräsidenten als Namenspatron hat, sich umbenennen sollte.

Ein anderes Beispiel ist Weiler, ein Stadtteil von Schorndorf, durch den eine Hindenburgstraße führt. Der Schorndorfer Gemeinderat beschloss letztlich, den Straßennamen beizubehalten. Allerdings mit einem hauchdünnen Votum von 15:15 Stimmen bei einer Enthaltung. Das Beispiel zeigt symbolhaft, wie strittig das Thema von Hindenburg tatsächlich ist.

Eine Debatte wäre das historische Erbe allemal auch in Balingen wert. Denn wie schrieb doch Balingens früherer CDU-Oberbürgermeister Edmund Merkel in seinem Vorwort zum bereits erwähnten Buch von Margarete Steinhart: „Mit diesem dritten Band der Veröffentlichungen des Stadtarchivs hoffen wir, Licht in das Dunkel der jüngsten Vergangenheit zu bringen und dies nicht etwa in der Absicht, dann endlich einen Schlussstrich darunter ziehen zu können, vielmehr soll das Buch der Anfang einer offenen Auseinandersetzung sein.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.


Balinger Straßenumbenennungen vor und nach der zwölfjährigen Herrschaft der Nationalsozialisten

Umbenennung: Am 8. Mai 1945 erging folgender Beschluss des Landrats Dr. Theodor Zeller an die Bürgermeister im Landkreis Balingen: „Es sind sofort sämtliche an die nationalsozialistische Bewegung erinnernde Bezeichnungen von Straßen, Plätzen, öffentlichen Gebäuden usw. aufzuheben und durch neue zu ersetzen.

Balingens Bürgermeister Robert Wahl verfügte, dass der Adolf-Hitler-Platz und der Gregor-Schmid-Platz „zum Wegfall kommen“. Umbenannt wurden die Adolf-Hitler-Straße in Verlängerte Friedrichstraße (heute Ebertstraße), die Mergenthalerstraße in Panoramastraße, die Robert-Ley-Straße in An der Burgenwand und die Wilhelm-Murr-Straße in Hindenburgstraße.

Hindenburgstraße neu: Was die Balinger Hindenburgstraße betrifft, so war es genau genommen eine Verlängerung derselben. Denn bereits in den 1920er-Jahren war die damalige Verlängerte Neue Straße in Hindenburgstraße umbenannt worden. Sie ging unterhalb der Heilig-Geist-Kirche direkt in die Tränenwiesenstraße über. Zu Ehren des Württembergischen NS-Reichsstatthalters wurde aus der Tränenwiesenstraße die Wilhelm-Murr-Straße. Und daraus, wie erwähnt nach Ende der NS-Diktatur, eben nicht mehr die Tränenwiesenstraße, sondern die Verlängerung der bis heute so existierenden Hindenburgstraße, die entlang der Eyach erst beim Balinger Bauhof als Sackgasse endet.

Heilig-Geist-Platz: Auch die Balinger katholische Kirchengemeinde Heilig-Geist war bis vor einiger Zeit, was den Straßennamen betraf, mit Hindenburg verbunden. Führte die Hindenburgstraße doch mitten durch das Gemeindezentrum. Dann aber wurde die direkte Anbindung zur Paulinenstraße gekappt, die Hindenburgstraße in diesem Bereich entwidmet und zum verkehrsfreien Kirchengemeindeareal umfunktioniert. Mit dem inzwischen begonnenen, aber noch nicht abgeschlossenen Umbau des Heilig-Geist-Gemeindezentrums ging auch eine Adressumbenennung einher. Die Kirchengebäude firmieren nun nicht mehr unter Hindenburgstraße, sondern unter Heilig-Geist-Platz.

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