Heiligabend im Hauptbahnhof
Ratshausener Hans-Ulrich Staudte geht nach 50 Dienstjahren bei der Bahn in Ruhestand
Ratshausen, 15.08.2012 von Hannes Mohr
Wenn Staudte aus seinem Arbeitsleben erzählt, dann erfüllt ein Lächeln sein Gesicht. Wenn er sein Leben noch einmal leben könnte, dann würde er nichts anders machen. Für den gläubigen Christ hat alles im Leben einen Sinn. Jede Station in seiner Laufbahn hatte seinen Zweck, ist er sich sicher. Mit 15 Jahren begann er bei der Deutschen Bahn eine Lehre als Schlosser. Sein Berufsziel: Lokführer. Damals wohnte er in Regensburg. Im Winter 1963 kam er nach Schömberg. „In der Lehrwerkstatt in Rottweil konnte ich meine Ausbildung beenden“, erzählt der 65-Jährige. „Doch die Bahn brauchte weder Schlosser noch Lokführer, weshalb ich als einfacher Betriebsarbeiter in den Lokhallen in Rottweil gearbeitet habe“, sagt Staudte.
Nach seinem Militärdienst heiratete er seine Frau Hilde. Kurz danach kamen die beiden Töchter des Ehepaars zur Welt. Fortan hatte er von der knochenharten Arbeit als Betriebsarbeiter die Nase voll. „Ich wurde Kraftfahrer“, sagt Staudte voller Stolz. Erst fuhr er Lastwagen, später dann Linienbusse der Deutschen Bahn. Viel verdient hat er damals nicht. 460 Deutsche Mark betrug sein Nettolohn. „Andere wären für dieses Gehalt vermutlich nicht einmal aufgestanden“, sagt der Jubilar zurückblickend. Doch Staudte war Busfahrer mit Leidenschaft. Er genoss den Umgang mit Menschen und erinnert sich gern an kuriose Situation. In einem heißen Sommer hielt er die Hitze nicht mehr aus und schnitt kurzerhand seine langen Hosen ab: „Es war ja schließlich trotz allem noch Dienstkleidung“, erzählt Staudte und lacht.
Doch der Job machte ihm zu schaffen. Rückenprobleme und der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung ließen ihn eine Entscheidung treffen, die sein Leben veränderte. „Fahrdienstleiter, dahin schaffst du es nie“, meinten damals einige seiner Kollegen. Doch der Ratshausener zeigte es allen. Er drückte wieder die Schulbank – mit 42 Jahren. „Das ist mir nicht leicht gefallen“, erinnert er sich. Auch seine Frau bestätigt: „Das war keine einfache Zeit.“ Doch sie hielt ihm immer den Rücken frei. Staudte absolvierte die Prüfungen mit Bravour. Ab sofort war er Fahrdienstleiter. Seitdem sorgte er für Sicherheit und Pünktlichkeit im Zugverkehr.
Von Mössingen kam er nach Bisingen, später nach Ebingen. Letztlich wechselte er dorthin, wovon andere Fahrdienstleiter der Region nur träumten: am Hauptbahnhof in Balingen. „Das hieß aber viel arbeiten“, betont er. Weil auch an einem Heiligabend der Zugverkehr geregelt werden wollte, überraschte ihn seine Familie auf dem Bahnhof und feierten dort das Fest mit ihm. „Das war eines unserer schönsten Weihnachten“, erinnert sich das Ehepaar Staudte. Wie überhaupt die Eisenbahn schon immer einen großen Teil des Familienlebens bestimmt habe.
Nun geht Hans-Ulrich Staudte in den Ruhestand. Bereits jetzt ist er in Altersteilzeit. Doch von Ruhestand keine Spur. „Ich übernehme die Frondienste in Ratshausen“, sagt Staudte.
