Leserbrief

Selbstkritik nicht vergessen

10.08.2012

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, sagt Jesus. Im Putin-regierten Russland können bereits drei Personen sich nicht versammeln, ohne in den Verdacht staatsfeindlicher Umtriebe zu geraten. Vollends gnadenlos zeigt sich die Justiz im Fall der Punkband Pussy Riot. Es erstaunt sehr, dass im ehemals atheistisch ausgerichteten Russland Gotteslästerung als Straftat geahndet und mit äußerster Härte bestraft wird. Hier wird die Religion missbraucht, um gegen Regimekritiker vorzugehen. Es ist nicht zu leugnen, dass es echte, im Wesen eines Menschen begründete religiöse Gefühle gibt, die durch Blasphemie sehr verletzt werden können. Vielleicht hätte auch mich Entsetzen gepackt, wenn ich die in die Kritik geratene Darbietung aus unmittelbarer Nähe erlebt hätte.

Trotzdem stehe ich zu der Auffassung, dass man in einem demokratischen Staat, in dem die Menschenrechte voll in Geltung sind, keine Richter und Staatsanwälte braucht, um mit religionskritischen Äußerungen und Aktionen umzugehen. Im Übrigen richtete sich der Gesang des Frauentrios meines Wissens nicht gegen die Religion selbst, sondern hauptsächlich gegen Putins antidemokratische Machtausübung. Wenn ich Zeitungsberichte über das unfaire Gerichtsverfahren und über den religiösen Fanatismus der Zeugen lese, fühle ich mich in die Zeit der Inquisition und der Hexenverbrennungen versetzt.

Doch was geht das alles uns in Deutschland an? Mein erster innerer Impuls ist heftige Empörung gegen die brutale Missachtung demokratischer Spielregeln und die Forderung nach Konsequenzen in der Haltung gegenüber der russischen Regierung: Die russischen Machthaber sollen deutliche Signale der Solidarität mit allen Menschen erhalten, die unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen oder fragwürdigen Prozessen in Gefängnissen landeten.

Aber dann sagt mir eine innere Stimme: Bevor wir einen Staat wie Russland anprangern, sollten wir unsere eigenen Verhältnisse beobachten: In welchem Maße werden bei uns die Menschenrechte praktisch umgesetzt? Steht das Wohlergehen der Menschen wirklich an der höchsten Stelle der Werteskala, oder nehmen Macht und Kapital einen höheren Rang ein? Welchen Stellenwert hat Datenschutz? Wie ist das zwischenmenschliche Klima in Betrieben? Wohin werden die in unserem Land hergestellten Waffen geliefert?.... Halten wir fest: Zunächst ist Selbstkritik gefragt. Dennoch dürfen wir und unsere Politiker nicht gleichgültig zusehen, wenn woanders Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Wolfgang Raichle
Taunusstraße 36, Ebingen