Absurde Dopingsperren schaden deutschem Reitsport

Olympia: Joachim Jung zählt zu aussichtsreichsten Teilnehmern in der Vielseitigkeit – Sieg in London die Krönung

Absurde Dopingsperren schaden deutschem Reitsport

Zollernalbkreis, 21.07.2012 von Reinhard Linder

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Zweimal ist der Albstädter Dressurreiter Martin Schaudt bei Olympischen Spielen ganz oben auf dem Treppchen gestanden. „Es ist das Höchste, was es gibt im Sport“, sagt der 54-Jährige.

Dass er dieses Ge-fühl noch einmal genießen wird, hält er eher für unwahrscheinlich. Zwar hat er vor wenigen Tagen mit dem württembergischen Meistertitel auf dem neunjährigen Despino nach einigen Grand-Prix-Siegen im Vorjahr einen weiteren Erfolg gefeiert, „aber was in vier Jahren sein wird, kann ich jetzt noch nicht voraussehen“, hält sich Schaudt bedeckt. Zumal ihm einiges an der deutschen reiterlichen Vereinigung, kurz FN genannt, gegen den Strich geht.

Mit ihrer absurden Öffentlichkeitsarbeit habe die FN den Reitsport in Verruf gebracht, indem sie des Pferdedopings bezichtigte Reiter mit Sperren belegt habe, statt sich hinter sie zu stellen: „Natürlich gibt es auch bei uns ein paar wenige schwarze Schafe und denen muss man das Handwerk legen.“ Aber die meisten seiner Kollegen würden ihre Pferde ganz normal medikamentös behandeln, wenn sie erkrankt oder verletzt seien. „Da können sich auf einen Schlag die Grenzwerte zwischen erlaubt und unerlaubt ändern“, sieht Schaudt Fallen aufgestellt, in die zwangsläufig jeder tappe. Selbst ein Mückenspray zum Schutz gegen die Fliegen könne zu einer Dopingsperre führen „und ein Aspirin darf ich meinem Pferd gleich gar nicht geben, weil es auf der Liste verbotener Substanzen steht“, wünscht sich der Onstmettinger etwas mehr Augenmaß und gesunden Menschenverstand – gerade vonseiten der FN: „Die haben überhaupt nicht versucht, die Komplexität dieses Problems in die Öffentlichkeit zu transportieren.“

Davon abgesehen ist er überzeugt, dass die junge Garde, welche die deutsche Dressurschule in London vertritt, auch 2016 in Rio de Janeiro um die Medaillen kämpfen kann. Zwar muss der am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte Mat-thias Rath mit seinem als Wunderpferd bezeichneten Totilas die Spiee in London vor dem Fernseher verfolgen, „aber ich glaube nicht, dass dies die Medaillenchancen der deutschen Mannschaft schmälert“, ist Schaudt überaus optimistisch.

Bereits vor einem Jahr seien Kristina Sprehe auf Desperados und Helen Langehanenberg auf Damon Hill in die Weltspitze vorgestoßen und in den vergangenen Monaten habe sich Dorothee Schneider auf Diva Royal völlig zurecht ins Olympia-Team geritten. „Die drei jungen Frauen sind richtig top“, traut ihnen Schaudt in der Mannschaft und im Einzel einiges zu.

Am Anfang des Turniers steht die Mannschaftswertung, in der die Briten, Holländer und Dänen die härtesten Konkurrenten der Deutschen sind. „Ich denke, die Entscheidung wird zwischen England und Deutschland fallen“, prognostiziert der zweifache Goldmedaillengewinner mit der Mannschaft. Die 25 Besten aus diesem Wettbewerb ziehen anschließend in den Grand-Prix Spécial ein, eine Art Zwischenrunde, die nur 15 Pferde und Athleten überstehen. Die Medaillen werden im Grand-Prix Kür vergeben. Schaudts Favoritin ist die Engländerin Charlotte Dujardin auf Vallegro, „aber wenn Langehanenberg und Damon Hill drei gute Tage haben, können sie auch etwas reißen“.

Neben den deutschen Dressur- waren auch die Springreiter über Dekaden hinweg eine sichere Bank für deutsche Olympiaerfolge. Aus Schaudts Sicht spricht nichts gegen eine Fortführung dieser Tradition. Mit Philipp Weishaupt, Janne Friederike Meyer, Marcus Ehning und Christian Ahlmann sei eine sehr starke Equipe am Start, die auf jeden Fall Medaillenchancen in der Mannschaft habe. Im Einzel traut er Ehning und Ahlmann viel zu, haushoher Favorit sei allerdings der Engländer Nick Skelton. Vor allem Ahlmann würde Schaudt von ganzen Herzen eine Medaille gönnen. „Die FN ist übel mit ihm umgesprungen“, kommt er auf sein Thema, den schmalen Grad zwischen Medikation und Doping, zurück: „Es wäre für ihn ein Triumph, wenn ihm die Leute von der FN zu einer Medaille gratulieren müssten, die ihn so lange von Turnieren ausgeschlossen haben.“

Die Vielseitigkeit, früher Military genannt, besteht aus Dressur, Geländeritt, Springen und Verfassungsprüfung des Pferdes. In dieser Disziplin hat Schaudt seine ersten Erfolge gefeiert, die deutsche Vielseitigkeitsmannschaft be-zeichnet er als „sicherste Medaillenbank“. Herausragender Athlet sei der 29-jährige Joachim Jung, mit dem er in ständigem Kontakt stehe: „Jung hat in den vergangenen zwei Jahren alles gewonnen. Er ist Welt- und Europameister, nur der Olympiasieg fehlt ihm noch.“ Über seine Favoritenrolle kursiere in Reiterkreisen ein skurriler Spruch: „Wenn Joachim Jung eine Frau wäre, könnte ihn vielleicht eine Schwangerschaft von der Goldmedaille abhalten.

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