Leserbrief
Menschenwürde sollte Priorität haben
10.07.2012
Eine ganze Zeitungsspalte für ein oftmals verdrängtes Thema – der ausgezeichnete Kommentar von Karl-Otto Müller lenkt den Blick auf die Situation von älteren Menschen, die oftmals alleine leben müssen, krank sind oder schlicht ein Alter erreicht haben, in dem ohne Unterstützung kein menschenswürdiges Leben mehr möglich ist. Der Umzug in ein Pflegeheim mag oftmals unumgänglich sein, bedeutet jedoch für die Betroffenen einen radikalen Schritt in einen völlig neuen Lebensabschnitt, der nicht leicht zu bewältigen ist. Viele älteren Menschen verkraften dies nicht mehr, manche bauen in kurzer Zeit körperlich und geistig derart ab, dass sie von Verwandten kaum noch wiedererkannt werden. Und sie diese Verwandten kaum noch erkennen. Weil die Pflegeheime sich durchweg auf die „Satt-und-sauber-Pflege“ konzentrieren und die Betreuung durch tagesstrukturierende Angebote sträflich vernachlässigen, verlieren die Senioren in den Pflegeheimen nach und nach ihre eigenen Fähigkeiten, selbstbestimmte Aktivitäten zu entwickeln, ja überhaupt Interesse daran zu bekunden.
Eine Verbesserung dieses unwürdigen Zustandes (der von den Prüfern des Medizinischen Dienstes durchgängig mit absurden Einser-Noten auch noch glorifiziert wird) ist dringend notwendig.
Mehr ausgebildetes und unterstützendes Personal in den Pflegeheimen, eine leistungsgerechte Bezahlung und der Ausbau von therapeutischen und tagesstrukturierenden Maßnahmen sind der Ausweis einer modernen Altenpflege. Zwei Seiten weiter im ZAK steht die Realität: Der Betreiber eines privaten Pflegeheimes in Ratshausen setzte acht Pflegekräfte und die Geschäftsführerin auf die Straße. Nicht, weil sie etwa schlechte Pflege geleistet hatten, sondern weil der Betreiber eine „konzertierte Aktion“ gewittert hatte, in der es um die Anhebung des Mindestlohnes gegangen sein soll. Auf der Strecke bleiben die pflegebedürftigen Menschen.
Karl-Otto Müller schreibt über die „aus dem Boden sprießenden“ Pflegeheime: „Wohl der einzige vom Export unabhängige boomende Wirtschaftszweig hierzulande“. Er fragt dann: „Haben wir etwas vergessen?“ Vielleicht dies: Eine menschenwürdige Altenpflege darf nicht den Mechanismen des Marktes ausgesetzt werden, in dem private Gewinnerwartungen und Kostenreduzierungen das Maß der Dinge sind. Es spricht nichts dagegen, die Trägerschaft für Altenpflegeheime ausschließlich kommunalen oder kirchlichen Trägern zu erlauben.
Jochen LangeMühläckerstr. 13, Balingen
