Stimmen verschmelzen zu prächtigem Klangkörper

Das „ensemble officium“ verwandelt die historische Michaelskirche in einen außergewöhnlichen Konzertraum

Stimmen verschmelzen zu prächtigem Klangkörper

Albstadt-Burgfelden, 20.06.2012

Anzeige
Die Michaelskirche Burgfelden schuf die authentische Atmosphäre für den Auftritt des „ensemble officium“: Mit ihren Interpretationen geistlicher Vokalmusik machten die Sänger eine Reise durch Zeit und Raum.

Veranstalter dieses Konzertschmankerls war das Burgfelder Musikforum. Schon das erste Stück des italienischen Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina entfaltete ein Mosaik von Klängen, dumpfe und zauberhaft transparente, sanfte und stark anschwellende. Die kristallgleichen Stimmen der Sopranistinnen zeichneten klare Melodielinien, stachen hervor und traten wieder zurück. Vierstimmig erklang das Original eines Ablassliedes aus der Zeit um 1500, dann die Abwandlungen „Maria gut, wann in Unmut“ von Cesare de Zachariis und „Maria Frau, hilf dass ich schau“ von Hieronymus Bildstein. Allesamt innig vertonte Gebete. Kontemplativ gesungen, vermittelten sie einen Hauch vom Frieden gläubiger Urahnen.

Wilfried Rombach, profilierter Experte für Musik aus der Renaissance, stellte den nächsten Komponisten vor. Leonhard Lechner lebte von 1553 bis 1606 und wirkte für ein Jahr als Kapellmeister am Hof des Grafen Eitelfriedrich IV. von Hechingen, der prominente Musiker seiner Zeit um sich versammelte. Sacht glitten die Sänger in die Tonkunst dieses Liedschöpfers, steigerten Tempo und Intensität zu einer den ganzen Raum einnehmenden Klangmacht, variierten hohe und tiefe Tonlagen und lösten das dichte Geflecht auf zur gemächlich dahinplätschernden Weise.

Der subjektive Ausdruck einer Komposition wurde in der Renaissance immer wichtiger und gerade diese Facette beherrschte das „ensemble officium“ ausgezeichnet. Dazu gesellten sich perfektes Handwerk, die starke Präsenz sowohl der einzelnen Künstler sowie des gesamten Klangkörpers, das harmonische Ineinanderfließen der Stimmen, die Gefühlstiefe des Vortrags und die Echtheit, mit der es sich dieser besonderen Form des Liedgesanges widmete.

Gesungene Kostbarkeiten versunkener Generationen: Auch „Beati omnes“ von Hans Leo Hassler, eines etwas jüngeren Zeitgenossen Lechners, gehört dazu. Einem Engelschor gleich dominierten hier die Frauenstimmen. Als einer der bedeutendsten Komponisten der Renaissance gilt Orlando di Lasso. Seine jubilierende Messe „Domine, Dominus noster“ überarbeitete Leonhard Lechner einige Jahre später und tauchte sie in das musikalische Zwielicht der Stilwende zum Frühbarock. „Missa super Domine, Dominus noster“ nahm ständig neue Gestalt an, vom strahlenden „Kyrie“ bis zum reduzierten „Agnus Dei“. „Ensemble officium“ kostete den unterschiedlichen Charakter der einzelnen Variationen voll aus, ein spiritueller Geist wehte allgegenwärtig durch das historische Gotteshaus.

Mit „Cantate Domino“ setzte der Chor den idealen Schlusspunkt, überschritt die Grenze von der Vokalpolyphonie der Renaissance zur Mehrchörigkeit des Frühbarock, dehnte sich vollends in den Raum hinein aus. Aus allen Ecken schienen die Tonfetzen zu quellen. „Unsere Michaelskirche hat schon manches Schöne erlebt, aber so etwas noch nie“, äußerte sich ein sichtlich gerührter Vertreter des Burgfelder Musikforums nach stehenden Ovationen.

Optionen

Bilder (1)

Schlagworte

Anzeige

PROBE LESEN

Der ZAK bei Facebook

Singlebörse