Leserbrief

Kann es sein, dass es uns heute schlichtweg viel zu gut geht?

02.06.2012

Ich habe mir am Donnerstagabend am Busbahnhof die demolierten Hinweistafeln angeschaut. Da ein Lehrer sein Fahrrad bei uns in der Bahnhofstraße hinter dem Haus parkt (am Fahrradparkplatz des Bahnhofes war es mehrere Male demoliert worden), wollte ich mir einmal selbst ein Bild von der Situation machen. Vier Jugendliche vermittelten nicht den Eindruck, dass ich an diesem Platz willkommen war. Ich gehöre zum geburtenstarken Jahrgang 1958 und habe mit meinen Eltern und zwei Brüdern eine 64 Quadratmeter große Wohnung teilen müssen. Es gab ganze zwei Jugendhäuser für eine Stadt mit 180 000 Einwohnern, Gameboy und Handy waren noch Fremdworte. Viele mussten sich das Geld für ein Mofa selber verdienen und selbstverständlich mussten wir mithelfen. Zu diesen Zeiten hat man seine Cola-Flasche nicht weggeworfen, sondern eingelöst. Kann es sein, dass die vielen Pfandflaschen, die man heute finden kann, ein Indiz dafür sind, dass es uns schlichtweg zu gut geht? Dass Neil Postman mit seinem Buchtitel „Wir amüsieren uns zu Tode“ Recht gehabt hat? Woher kommt die Langeweile, die die Jugend heute hat? Maßlosigkeit im Konsum, in der Verschwendung und auch im Umgang mit seinen Mitmenschen. In unserer Jugendzeit hatte man Schiss, wenn man mal was angestellt hat und Respekt vor möglichen Folgen. Heutzutage kann sich unsere Jugend auf verständnisvolle Mitmenschen verlassen, die ihnen auch noch die unmöglichsten Entgleisungen verständnisvoll durchgehen lassen. Ein zu Tode geprügelter Reisender, der anderen zu Hilfe kommen wollte, wird dann noch einmal hingerichtet, wenn die Verteidigung auf mildernde Umstände plädiert. Mein verstorbener Bruder hat immer Fahrgäste darauf angesprochen, wenn sie ihre Schuhe auf den gegenüberliegenden Sitz platziert hatten und womöglich noch einen Sitz blockierten. Mehr als einmal hat er dafür Prügel kassiert. Ich muss offen zugeben, dass ich ihn lange Zeit für einen Spinner gehalten habe, der so blöd war, sich selbst in Gefahr zu bringen.? Mittlerweile habe ich eine andere Sicht der Dinge. Kann es sein, dass unser heutiges Problem nicht der eine Spinner ist, der eine berechtigte Frage stellt, sondern die 53 Mitreisenden, die nichts dazu zu sagen haben? Kann es sein, dass wir uns eine Welt schönreden, die bei 23 Prozent Ausbildungsplatzabbrechern eigentlich dazu führen müsste, endlich einmal eine Diskussion darüber zu führen, wie es weitergehen soll und wo die Ursachen liegen? Wer mal aus Versehen in das Programm eines Privatsenders zappt, wenn nach dem Namen des Bundeskanzlers gefragt wird, kann sich über die unmöglichen Antworten zu Tode lachen. Er könnte aber vielleicht auch auf den Gedanken kommen, dass da wohl offensichtlich etwas gewaltig schief läuft in unserer Gesellschaft.

Peter Seifert
Untere Dorfstraße 12, Weilstetten

kann es sein...

Das ist das heutige Problem, keiner brauch mehr Angst zu haben über Konsequenzen, viele Eltern haben aufgegeben oder können nicht Konsequent sein und Gerichte sind viel zu lasch.
Früher hatte man respekt vor fremden Personen und Fremden Eigentum, das ist heutzutage oft nicht mehr der fall.
Was ich noch erwähnen möchte, nicht alle Jugendliche sollten in diese Schublade geschoben weden, ich bin der meinung das die mehrheit doch noch "normal" im Kopf sind.
Timo M. am 04.06.2012 11:11:40

Kann es ein...

...dass Peter Seifert die falschen Fragen stellt und zusammenhangslose Dinge zu einer gefährlichen Verallgemeinerung zusammen würfelt und dazu auch noch in einer ganz verkehrten Richtung und mit dem Geiste in einer ganzen anderen Zeit nach Antworten sucht?
Sieglinde Müller am 02.06.2012 16:59:33

Antwort auf Kann es ein...

Mein Leserbrief war als Antwort gedacht gewesen auf Reaktionen in ZAK und Schwabo, die als Begründung für den Vandalismus Jugendlicher die fehlenden Möglichkeiten und Plätze für eine Freizeitgestaltung bemängelten. Da mein ursprünglicher Brief gekürzt wurde sind leider auch Formulierungen weggefallen, die den Sinn veränderten.
Ungeachtet dessen bleibe ich bei meinem Inhalt. Bald jeden Tag der letzten Wochen Las man in der Zeitung von betrunkenen Jugendlichen, die randaliert haben, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen begangen haben. Ich bin selbst am Donnerstag Abend nach einem Kinobesuch in der Bahnhofstraße einer Gruppe Jugendlicher begegnet, die dem äußeren Erscheinungsbild nach (torkelnd und lallend die begegnenden Mitmenschen anpöbelnd) sicher in den mitgeführten Sprite-Flaschen kein Sprite, sondern einen anderen Stoff mit sich geführt haben. Fragen sich die Eltern dieser Heranwachsenden nicht, was ihre Kinder Abends um kurz vor Zwölf noch auf der Strasse machen? Wenn Sie zu den Gutmenschen gehören, die so ein Verhalten normal finden können Se sich auch die Frage stellen lassen, wie so etwas weitergeht.
Was meinen Sie mit dem "Geist einer anderen Zeit"?
Glauben Se, dass ich die Zeit zurückdrehen will?
Wenn für Sie der Fortschritt darin besteht, dass man einfach immer mehr Freiheiten haben muss, dann bekommen Sie spätestens dann Probleme, wenn sich jeder alle Rechte herausnimmt. Finden Sie es lustig, wenn Sie mittlerweile von allen Seiten von laut dröhnenden Atolautsprechern zugemüllt werden, bloß weil jeder glaubt das Recht dazu zu haben?
Steve Jobs hat in seiner berühmten Stanford-Rede die Formulierung verwendet "Stay hungry, Stay Crazy". Such Dir eine Aufgabe, die dich ausfüllt, und mache sie mit ganzem Herzen. In diesem sinnlosen Zudröhnen mit anschließenden sinnlosen Gewaltsexzessen kann ich nicht erkennen, das hier noch jemand auf der Sinnsuche ist. Wenn ich mit Lehrern über diese Problematik spreche und schiere Resignation vor diesen unhaltbaren Umständen heraushöre (und das betrifft nicht nur die Hauptschulen) weiß ich wirklich nicht, wo der Zug hingeht.
DSDS und Germanys next Topmodell machen doch vor, wohin der Zug geht.
Wenn Sie die Formulierung "gefährlich" in ihrem Text verwenden, weiß ich nichts was ich davon halten soll. Gefährlich sind in meinen Augen diejenigen Leute, die Scheuklappen aufziehen, sich vor den Realitäten verstecken und sich irgendwann dann mal wundern, wenn der nächste Heilsbringer plötzlich mit totalitären Methoden vor der Tür steht.
Die von mir beschriebenen 53 Fahrgäste, die zu den Sachbeschädigungen im Bus geschwiegen haben, während mein Bruder krankenhausreif geschlagen wurde sind ja sicher auch diejenigen, die uns in guter deutscher Tradition vor einem wiedererstarken des Rechtsradikalismus bewahren werden. Träumen Sie weiter.
Peter Seifert am 03.06.2012 00:27:59

Antwort auf Antwort auf Kann es ein...

Sehr geehrter Herr Seifert,
im Prinzip schließe mich Ihren Argumenten an.
Was ich im Ausdruck etwas ändern möchte: Es geht uns nicht zu gut sondern die ganzen negativen Ausdrucksformen sind ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft: Der gegenseitige Respekt ist verloren gegangen. Die Fehlprägung begann doch gleich nach dem Krieg: Aufbau, mehr sein als die Anderen, mehr Haben und mehr Vorzeigen können. Dort, wo die materielen Dinge höher geschätzt wurden; - wenn "die" das sich leisten können dann muß ich das überbieten. Größerer Haus, teuereres Auto" wurde Wichtigeres vernachlässigt. "Unsere Kinder sollen es mal besser haben als wir", das unterstütze ich auch, aber nicht um jeden Preis! Was unseren Kindern und Jugendlichen oft fehlt ist die Nestwärme und das Gespräch in der Familie. Angenommen sein. Und wie oft hieß es: Do hosch 5 Mark aber laß mi in Ruh. Oder noch bei Kleinkindern und Säuglingen. Schreien sie, wird ihnen gleich der Schnuller (Beruhigungssauger) in den Mund gesteckt. Vielleicht drückt was sie haben Angst, sind erschrocken o.ä. Kinder in den Arm nehmen. Kinder brauchen Zuwendung und das Gefühl von Geborgenheit. Vertrauen (!) ist sehr wichtig. Kinder ernst nehmen! Auch kleine Kinder haben oft Probleme und werden dann nur belächelt. Dem Alter entsprechend Verantwortung übertragen. Schon Kindergartenkinder können helfen den Tisch decken und wieder abräumen, die Spielsachen aufräumen. "Man wächst mit seinen Aufgaben" Und warum sollen sie später nicht jobben um ihr Mofa selbst zu finanzieren - und natürlich auch den Führerschein. Die Wertschätzung ist umso größer. Das klappt ja auch, zum Glück, bei den meisten. Nur die Rowdies (die unangenehm auffallen), da wurde entweder der Grundstein falsch gelegt: Vernachlässigung, oder ein verkehrter Freundeskreis. Diese Menschen können uns eigentlich Leid tun.
6 (!) Kinder habe ich groß gezogen, die Jüngste studiert noch. Viele Jahre Arbeit mit Kinder u. Heranwachsenden von 0 bis 20J > kann ich nachweisen. Jedes Kind und jeder Mensch ist ein Idividuum und will respektiert werden und das muß man lernen und zwar von klein auf.
Genauso gehört es dazu, dass wir Grenzen setzen. Wir können als Erwachsene nicht alles kaufen was wir wollen, aber wir können uns an vielem erfreuen. Das müssen die Schon seit Jahre herrscht Friede. Die Wende. Unsere (?) Natur. Unser Miteinander.
Zum Schluß: Unsere Kinder und Jugendlichen sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Und zur politischen Diskussion. Kitas sind notwendig - aber sie können keine Familie ersetzen.
Heidi Fischer am 05.06.2012 17:00:35

Antwort auf Antwort auf Antwort auf Kann es ein...

Heidi Fischer,Sie singen ein altes, wohbekanntes Lied, das aber durchd die so ofte Wiederholung noch lange nicht wahr wird. warum wollen sie auf Ihre Eltern und Grosseltern einschlagen, Sie wollen doch nur den 68ern nachmachen. Ist unser Land besser geworden, seit die 68er unser Land auf den Kopf gestellt haben?
Ich danke Peter Seifert und stimme ihm voll zu! Schon Mitte der 50gern wurde der Ruf verbreitet alle Tabus zu brechen, heute sind die alle im Eimer, aber unsere Gesellschaft ist nicht besser geworden, sonder schlechter. Ich war am Wiederaufbau beteiligt und verbitte mir eine solche Anschuldigung.
Vergessen Sie nicht, dass Polpots oberster Moerder ein Mathematik-Professor war, Bildung macht auch keine Engel. Irren ist menschlich, aber durch das Irren sovieler Illusionisten sind viel mehr Menschen umgekommen, als durch den Widerstand gegen das Boese!!!
Josef Bujtor am 18.06.2012 14:52:39
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