Messstetten, 01.06.2012

Zarter Stoff aus 40 000 Nesseln

Mattes & Ammann auf der Suche nach einem Baumwoll-Ersatz

Das Tieringer Textilunternehmen Mattes & Ammann startet am Samstag ein deutschlandweit einmaliges Modellprojekt auf einem Fußballplatz großen Feld. Mit einer Fasernessel namens Marlene.

Wer sich in die Nesseln setzt, sitzt unbequem. Das wird nun anders. In Kooperation mit dem Institut für Pflanzenkultur der Uni Hamburg, der Consulting und Service für pflanzliche Rohstoffe GmbH aus Dresden (C.S.P.) und dem deutschen Institut für Textil- und Faserforschung in Denkendorf startet Mattes & Ammann ein deutschlandweit einzigartiges Projekt auf der Suche nach weichem Ersatz für Baumwolle.

Die Anbaugebiete für natürliche Baumwolle sind weltweit beschränkt. Die Voraussetzungen speziell: viel Hitze und viel Wasser. Mit dem Blick auf das weltweite Bevölkerungswachstum, den Klimawandel und die Wasserknappheit der Drittweltländer sind die Probleme vorprogrammiert. Tatsächlich wird die Menschheit in den kommenden 15 Jahren um mindestens eine weitere Milliarde wachsen. Und dann? Erstens kann man diese Masse an Menschen nicht weiter in Baumwolle kleiden, zweitens ist der Anbau einer notwendigen Menge Baumwolle nicht mehr möglich, drittens ist der Anbau von Baumwolle ökologisch umstritten und nur unter Einsatz der Gentechnik und einer chemischen Begleitung möglich.

Das alles hat Mattes & Ammann dazu bewogen, mit einer heimischen Pflanze zu experimentieren, um dieses globale Thema vor der Haustüre zu bewältigen. Prokurist Werner Moser: „Die Nesselpflanze ist hierzulande seit vielen hundert Jahren eine gebräuchliche Kulturpflanze, ähnlich wie Hanf und Leinen. Und wir wissen heute, dass die modernen Fasern durch besondere Züchtungen mindestens eine vergleichbare, wenn nicht sogar eine bessere Qualität aufweisen als Baumwolle.“

Die Uni Hamburg hat in vielen Jahren Forschung und Auslesezüchtung den Faseranteil von rund vier Prozent auf durchschnittlich 14 Prozent erhöht. Die zum Spinnen notwendigen Fasern sind sechs Zentimeter lang. Mehr als genug für ein gutes Garn – die Basis für ein gesponnenes Textil. Das bestätigt Evelin Tetzner von der Dresdner C.S.P.: „Wir haben es mit mit einer besonderen Züchtung zu tun, die hervorragend zu verarbeiten ist und alle Eigenschaften der Baumwolle besitzt. Sie ist atmungsaktiv, reißfest, angenehm zu fühlen und sie hat – anders als die Baumwolle – auch noch einen seidigen Glanz. Und einen viel hübscheren Namen: Denn diese Fasernessel heißt Marlene.“

Nach einem ersten Testlauf zu Beginn des Jahres sind sich alle Beteiligten sicher, dass die Pflanzung ein Erfolg wird. Der Schrecken der Schrebergärten liefert zugleich noch eine Heilkur für überdüngte Böden. Schließlich ernährt sich die Fasernessel lange Zeit von dem in unseren Böden bereits vorhandenen Nitrat und Phosphat.

Am Samstag pflanzt das Unternehmen 40 000 Pflanzen am Produktionsstandort von M&A an. Aus 40 000 Pflanzen erwarten die Fachleute einen Ertrag von 500 bis 1 000 Kilogramm Fasermaterial. Die erste Ernte ist 2013 geplant. Das Institut Denkendorf wird die Fasern spinnen, um das Garn schließlich an Mattes & Ammann zur Weiterverarbeitung zu übergeben. Landrat Günter-Martin Pauli (MdL) hat die Fläche für die besondere Nutzung schnellstmöglich freigegeben: „Ein Hektar voller Pflanzen, die als hochwertiger Ersatz für die weltweit angepflanzte Baumwolle dienen können. Das wäre ein Meilenstein für die Textilindustrie und damit auch für unsere Region.“

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