Geislingen, 21.05.2012

„Tagesmütter werden nicht krank“

Helga Walter aus Geislingen betreut seit fünf Jahren fremde Kinder – Ein Job, der Familiensache ist

image
Vor dem Haus steht ein kleiner, zweirädriger Fuhrpark, der Wohnzimmerschrank ist voll gepackt mit Spielsachen und im Bad steht ein Wickeltisch: Das ist das Zuhause von Helga Walter, von Beruf Tagesmutter.

Helga Walter ist 38 Jahre alt. Sie hat vor ihrer Familienzeit als Arzthelferin gearbeitet. Ihre Kinder Madeline, Jonathan und Benedikt sind 14, elf und sechs Jahre alt. Ihr 43-jähriger Ehemann Andreas arbeitet als Justizbeamter. Die Eheleute entschieden sich für das klassische Familienmodell. „Mein Mann geht arbeiten und ich kümmere mich um die Kinder und den Haushalt“, sagt die 38-Jährige und fügt an: „Ich bin gerne Mutter und mir ist es wichtig, dass ich für meine Kinder da bin, wenn sie mich brauchen.“

Als ihre Große zehn Jahre alt war, dachte die Geislingerin über einen Wiedereinstieg ins Berufsleben nach. „Eine Freundin brachte mich auf die Idee, als Tagesmutter zu arbeiten. Sie meinte, das würde gut zu mir passen.“

Passen deshalb, weil die dreifache Mutter die idealen Voraussetzungen für diesen Beruf mitbringt: Sie mag Kinder, sie ist sehr geduldig und einfühlsam, sie hat gute Nerven, vertritt eine klare Linie und lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen. „Das A und O aber ist die Flexibilität“, sagt Helga Walter. Schnell mal umplanen ist für die Geislingerin kein Problem. Und krank war sie in den vier Jahren, die sie Tagesmutter ist, erst einmal. „Tagesmütter werden nicht krank“, sagt sie lachend. Und wenn, haben sie einen flexiblen, verständnisvollen Ehemann an ihrer Seite. „Andreas hat an diesem Tag Urlaub genommen und den Laden geschmissen.“

Überhaupt, ohne die Unterstützung der eigenen Familie, ist der Beruf Tagesmutter, kaum machbar. „Mein Mann und meine Kinder stehen voll dahinter“, sagt Helga Walter. Wer Probleme damit hat, dass am Mittagessen drei eigene und vier fremde Kinder sitzen und palavern oder seine Ruhe will, wenn er Feierabend hat, ist sicherlich nicht geeignet für diesen Beruf. „Unser Wohnzimmer ist ein Spielzimmer“, sagt die Geislingerin, deren ganzes Haus ihr Arbeitsplatz ist. Im Flur steht ein Käfig mit zwei kleinen Hasen: „Die Kinder mögen unsere Tiere.“

Helga Walters erstes Tageskind war neun Monate alt, eine Zeit lang betreute sie fünf Kinder im Alter zwischen eineinhalb und neun Jahren. Derzeit sind es vier Kinder, die zu unterschiedlichen Zeiten am Nachmittag kommen. „Jetzt habe ich morgens frei“, sagt die 38-Jährige, die ihren Beruf auch deshalb liebt, „weil ich mein eigener Herr bin.“ Sie verschweigt nicht, dass es auch schwere Tage gibt. „Es ist nicht immer schön und es ist Arbeit“, widerspricht sie dem Klischee der „Friede-Freude-Eierkuchen-Familienidylle“. Wichtig ist auch, dass die Chemie zwischen ihr und den Eltern der Pflegekinder stimmt: „Bislang gab es noch nie Probleme.“

Für sie ist dieser Beruf – trotz der geringen Bezahlung – eine sinnvolle Aufgabe. „Leider ist es heute oft sehr schwierig, Kindern die Zeit zu geben, die sie brauchen“, sagt sie und wird kurz nachdenklich, um gleich wieder zu lächeln.

145 Tagesmütter im Kreis betreuen 252 Babys und Kinder: „Das sind immer noch zu wenig“

Wie wird man Tagesmutter? Nach einer ersten Beratung beim Jugendförderverein (Fachberatung Kindertagespflege) müssen zukünftige Tagesmütter- und väter einen Qualifizierungskurs mit 160 Unterrichtsstunden absolvieren. Dazu zählt auch ein Erste-Hilfe-Kurs am Kind.

Ausschlusskriterien sind der Bezug von Jugendhilfe sowie ein Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis. Dabei werden alle Familienmitglieder überprüft. Ein Hauptschulabschluss ist Mindestvoraussetzung.

Die Kurse beschäftigen sich mit den Themen Förderung, Bildung und Erziehung von Kindern in der Tagespflege, wie beispielsweise Schweigepflicht, das Recht auf gewaltfreie Erziehung oder rechtliche Grundlagen. Zudem gibt es regelmäßige Treffen und Fortbildungen der Tagesmütter untereinander.

Die Bezahlung: Die Untergrenze liegt bei 3,90 Euro pro Kind pro Stunde. Der Tagesmütter-Landesverband empfiehlt zwischen sechs und sieben Euro. „Leben kann man von der Tagespflege nicht“, betont Diplomsozialpädagogin Silvia Gmelin.

Die großen Vorteile für die Tagesmütter sind die Selbstständigkeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie; für die Eltern das hohe Maß an Flexibilität und das Wissen, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind in Familienstrukturen.

Zahlen: Derzeit gibt es 145 Tagesmütter im Kreis, die 252 Babys und Kinder (bis 14 Jahre) betreuen. „Es sind aber noch zu wenig“, sagt Gmelin.

Weitere Informationen zum Nachlesen gibt es unter www.jugendfoerderverein-zollernalbkreis.de.

Mehr zum Schlagwort

Kinder.

Kommentare unserer Leser

Mit dem ZAK Smile-Abo...

...haben Sie gut lachen.
Die ersten 3 Monate für nur 14,- €/Monat. mehr...

Singlebörse