Leserbrief
Über Zukunftsfähigkeit und Beständigkeit von Investitionen nachgedacht
02.02.2012
Seit Monaten polemisiert Herr Keller in der Südwest Presse unwidersprochen mit Vehemenz und Halbwahrheiten gegen die Solarenergie und die Betreiber von Photovoltaik-Anlagen. Dabei sei ihm ohne Zögern zugestanden, dass es andauernden Bedarf an Verbesserungen in der Förderung der erneuerbaren Energien gibt. Aber warum denkt er nur in den quantitativen Kategorien von Kürzen und Streichen? Gibt es doch viele Möglichkeiten effizienter qualitativer Verbesserungen. Beispielsweise die Umlenkung von viel mehr Geld in Forschung und Entwicklung, in regionale Pilot- und Verbundprojekte oder die Splittung in eine geringere Förderung für ausgereifte Technologien (Siliziumzellen) und eine höhere für Innovationen (Mehrbereichssolarzellen mit höherem Wirkungsgrad).
Warum diffamiert Herr Keller die vielen „kleinen“ Leute aus der Mittelschicht, die eine Photovoltaik-Anlage auf ihrem Häusle haben oder Mitglieder in einer Energiegenossenschaft sind, als gnadenlose Geldhaie, die Verbraucher und Mieter abzocken? Die nehmen wie jedes Wirtschaftssubjekt ein gesetztes Recht wahr, denken dabei aber auch an die Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit ihrer Investition.
Herr Keller kritisiert, dass Herr Röttgen die Kürzungen (!) der Solarförderung mit der Solarbranche abgesprochen hat. Wo aber war seine kritische Stimme, als im Sommer 2010 die Verlängerung der Atomkraftnutzung in mehreren Absprachen mit den vier Betreibern der deutschen Kernkraftwerke festgezurrt wurde?
Dass die Photovoltaik - wie auch der Wind - diesen Nachteil der schwankenden und zeitlich stark eingeschränkten Produktion hat, ist unbestritten. Der große Vorteil der Photovoltaik ist aber, dass sie dispers in allen Regionen Deutschlands installiert werden kann und mit den auf verschiedenen Feldern in Entwicklung befindlichen Speicher- und Vernetzungsmöglichkeiten die regionalen Potenziale für die Versorgung vor Ort ausnutzen und einen beachtlichen Teil des regionalen Strombedarfs abdecken kann. Für diesen Anteil des regionalen Energiebedarfs bleibt das Geld in der Region und stärkt diese wirtschaftlich; für diesen Teil bedarf man nur des regionalen Verteilernetzes, aber keiner Großproduktionsanlagen und neuer Fernübertragungsleitungen; über diesen Teil der Energieversorgung kann die regionale Bevölkerung selbst bestimmen.
Diese Vorteile erkennen immer mehr Bürger, weshalb sie ohne Schielen auf „Traumrenditen“ und gegen den - zum Teil vehementen - Widerstand der Protagonisten der bisherigen, hochgradig zentralistischen Energieversorgung in die dezentralen erneuerbaren Energien investieren. Damit verändern sie die Energieversorgung vom bisherigen oligarchisch-zentralen System graduell zu einem mehr dezentralen und selbst bestimmten.
Dr. Hans-Heinrich Rieser, Lenauweg 24, Hechingen