Wie aus Studenten gefragte Mitarbeiter werden

Einsichten eines Soziologen: Prof. Dr. Rudi Schmiede über die Zukunft der Arbeit und die Hochschulen

Albstadt/Sigmaringen, 23.01.2012 von Dagmar Stuhrmann

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Seit den 70er Jahren hat sich laut Prof. Dr. Rudi Schmiede die Arbeitswelt grundlegend verändert. Seine tröstliche Botschaft: Je größer die „Informatisierung“, desto wichtiger wird der Mensch.

Beim Neujahrsempfang der Hochschule Albstadt-Sigmaringen hielt der ehemalige Leiter des Instituts für Soziologie der TU Darmstadt am Schluss seines Vortrags über „Die Zukunft der Arbeit und die Hochschulen“ ein Plädoyer für den „Ausstieg aus dem Alltagstrott“. Konkret heißt das: Die Hochschulen sollten seiner Ansicht nach verstärkt Menschen mit beruflichen Kompetenzen in den Wissenschaftsbetrieb hereinholen. Denn im Unterschied zum „Rohmaterial Information“ basiert das „Wissen“, das die Praktiker aus ihrem Arbeitsalltag mitbringen, auf gemachten Erfahrungen und ist „abhängig von Interpretation und Kommunikation“. Will heißen: Während auf der einen Seite lediglich abstrakte Daten stehen, macht erst der Mensch mit seiner Fähigkeit zur Einschätzung, Einordnung und Bewertung aus Fakten nutzbringendes Wissen. Womit ein alter Spruch aktueller bleibt denn je: Wissen ist Macht. Oder, mit Prof. Dr. Schmiedes Worten: „Die Wissensarbeit wird kontinuierlich zunehmen, nicht trotz, sondern wegen der Informatisierung, Globalisierung und Finanzialisierung.“

Gefragt ist heute also der persönliche Filter, die Subjektivität des Mitarbeiters, der sich mit seiner Persönlichkeit und seinen individuellen Fähigkeiten einbringt. Andererseits jedoch hat laut Prof. Dr. Schmiede die „geradlinige Berufsbiografie“ ausgedient. Erwartet wird heute im Berufsleben Flexibilität auf allen Ebenen. Mit dem Wegfall der Beständigkeit und Verlässlichkeit ergibt sich jedoch auch eine Gefahr für das Selbstbewusstsein des Menschen – laut Schmiede eine Erklärung für die Zunahme psychischer Erkrankungen.

Im Sog des „Epochenwandels“ in der Arbeitswelt werden Qualifikation und Weiterbildung immer zentraler. Das Stichwort lautet: Life-long Learning. Vor dem Hintergrund einer steigenden Nachfrage nach IT-Experten und des demographischen Wandels nimmt die „Rekrutierungsgruppe fürs Anfängerstudium“ in den nächsten Jahren deutlich ab. Denn: Die Jungen werden immer weniger. Die Folge ist: Der Akademikeranteil an der Bevölkerung stagniert, besonders in den naturwissenschaftlich-technischen Fäch-ern. Gleichzeitig steigt aber der Bedarf an Hochqualifizierten. Die Nachfrage nach diesen Fachkräften ist groß und kann nicht gedeckt werden. Was kann man tun?

„Drei Antworten“ hat Prof. Dr. Schmiede auf diese Problemlage, auf die die Hochschulen reagieren müssen: zunächst die bereits genannte Öffnung für berufliche Kompetenzen, zweitens Weiterbildungsangebote und drittens mehr fachliche Breite und Interdisziplinarität. Schmiede fordert: „Sie müssen über den eigenen Schatten der bisherigen Hochschulroutine in Lehre und Forschung springen.“ Beim Thema Weiterbildungsangebote an den Hochschulen denkt er in erster Linie an berufsbegleitende Konzepte. Um die Studenten zu „Wissenden“ werden zu lassen, das heißt deren Verantwortlichkeit und Persönlichkeit zu fördern und Erfahrungen zu erlauben, ist auch eine grundsätzliche Neuausrichtung der Ausbildung nötig: Weg von der Verschulung hin zu mehr Wahlmöglichkeiten und subjektiven Präferenzen.


Forschungsgebiet Arbeit in der Informationsgesellschaft

Berufliche Eckdaten: Der Soziologieprofessor Dr. Rudi Schmiede war von 1997 bis 1999 Vizepräsident der Technischen Universität Darmstadt. 1977 Promotion, 1984 Habilitation für das Fach Soziologie mit Studien zu Gewerkschaften und Lohndynamik. Seit 1987 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt.

Schwerpunkte seiner Forschung sind unter anderem die soziale Dimension der Informations- und Kommunikationstechnologien, die geschichtliche Entwicklung von Arbeit, Arbeit in der Informationsgesellschaft, Theorien der Informatisierung, Wissensprozesse in Organisationen und Wissensmanagement.

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