Rüge für den Staatsanwalt
„Mühlengeist“-Prozess: Bringt neue Akte neue Verdächtige ins Spiel?
Hechingen/Balingen, 19.01.2012 von Karl-Otto Müller
Gegen fünf Uhr in der Frühe hätten sie das Paar geweckt, schilderten die Polizisten in der gestrigen Verhandlung. Richter Herbert Anderer wollte auch für diesen wichtigen Moment alle Indizien geprüft haben, die darauf hindeuten könnten, dass der „Mühlengeist“-Pächter im August 2010 selbst den Brand im neu eröffneten Gasthaus gelegt haben könnte. Seit vergangenem Sommer sitzt er deshalb in U-Haft, seit November steht er in Hechingen gemeinsam mit seinem älteren Bruder vor Gericht.
Weil es wohl keine alltäglichen Momente im Alltag eines Polizeibeamten sind, schilderten die beiden sehr detailliert jenen frühen Morgen, an dem sie den Wirt informieren sollten. Zu jenem Zeitpunkt noch ohne irgendwelchen Verdacht. Buchstäblich „schlaftrunken“, mit „kleinen, aufgequollenen Augen“, „verstruppelt“ und in leichter Nachtwäsche habe er nach intensivem Klopfen die Tür geöffnet.
Sehr genau erkundigte sich die Kammer nach den ersten Reaktionen des Gastronomen an jenem Morgen. War das Entsetzen nur gespielt?
Und der laute Aufschrei der Lebensgefährtin, den selbst der Mieter mitbekommen hatte: „Nicht schon wieder . . .“
Auch sie war gestern in Hechingen in den Zeugenstand gerufen, beantragte jedoch auf den Hinweis des Vorsitzenden Richters Anderer hin, es könnte nach intimen Details gefragt werden, sofort den Ausschluss der Öffentlichkeit. Solche Fragestellung sollte schließlich dem Gericht Klarheit verschaffen, ob die Aussagen des Zellenkumpans glaubhaft sind. Behauptet dieser doch, von dem Angeklagten selbst erfahren zu haben, er habe seiner Lebensgefährtin am Abend zuvor Schlaftabletten verabreicht, um mit dem Bruder unbemerkt nach Balingen fahren und den „Mühlengeist“ in Brand setzen zu können.
Weder diese Zeugin noch die am Nachmittag befragte Ehefrau des mitangeklagten Bruders wollen solches bemerkt haben. Vielmehr stellte sich die Ehefrau glaubhaft vor ihren Mann, der durch die Anschuldigungen erheblich belastet sei.
Mit einer neuen Akte indes, die erst jetzt Freunde des Pächters als weitere Verdächtige ins Spiel bringt, zog sich gestern Staatsanwalt Engel den Zorn des Vorsitzenden zu. Die Spuren seien bislang „nicht ergiebig bewertet worden“, erklärte der Ankläger.
Am kommenden Mittwoch geht's in Hechingen weiter.
