Leserbrief
Demografische Entwicklung ist nicht der bestimmende Faktor
10.01.2012
Die Deutschen sterben aus, die Rente ist nicht sicher: Mit düsteren Ausblicken machen Politik und Wirtschaft den Menschen schon lange Angst und rechtfertigen soziale Einschnitte. Wir sollten kritischer mit solchen Zukunftsprognosen umgehen. Das Wort Demografie ist mode, vor allem, wenn es um Einschnitte ins soziale Netz geht. Dann wird es von Politikern, Wissenschaftlern und Unternehmern benutzt, um zu belegen, dass es keine Alternative zu dieser oder jener Kürzung gibt. Demografie gilt als Zukunftsthema. Dabei ist die Angst vor der demografischen Entwicklung viel älter, als man ahnt. Schon in den 1930-er Jahren warnten Bevölkerungsforscher vor Geburtenschwund und Überalterung. Im vergangenen Jahrhundert stieg die Lebenserwartung um mehr als 30 Jahre. War 1900 noch fast jeder Zweite unter 20 Jahre alt, war es 2000 nur noch jeder Fünfte. Der Anteil der über 65-Jährigen verdreifachte sich in der gleichen Zeit. Da fragt man sich doch, warum die Katastrophe nicht schon längst eingetreten ist?
Offenbar war die demografische Entwicklung nicht der bestimmende Faktor. Wichtiger waren vor allem die enorme Entwicklung der Produktivität oder die Zunahme der Bildung. Doch dieser Blick in die Vergangenheit ist nicht erwünscht. Denn wer ihn kennt, glaubt nicht mehr so leicht, dass soziale Einschnitte wie die Rente mit 67 oder Abstriche bei der Rentenhöhe, die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge oder auch der angebliche Fachkräftemangel wirklich überwiegend demografische Gründe haben.
Die Produktivitätssteigerungen in der Wirtschaft würden es erlauben, die Rentner materiell gut auszustatten. Selbst wenn die Produktivitätssteigerung je Arbeitnehmer jährlich nur ein Prozent beträgt, könnte jeder Beschäftigte im Jahr 2060 dreißig Prozent Rentenbeitrag zahlen und gleichzeitig noch sein verbleibendes Einkommen um über vierzig Prozent steigern. Vorausgesetzt ist aber, dass die erhöhte Produktivität auch ausgezahlt wird. Bei der Finanzierung der Renten ist also nicht die demografische Entwicklung das Hauptproblem, sondern die Umverteilung zugunsten der Unternehmer.
Seit der Wiedervereinigung ist die wirtschaftliche Leistung um knapp 30 Prozent gestiegen. Wenn diese nicht im Portemonnaie angekommen sind, hat das offensichtlich nichts mit Demografie zu tun, sondern mit der Umverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer.
Karl-Heinz SchlenkerG.-Hauptmann-Ring 7, Balingen
