Leserbrief
„Ewige Studenten“ sind eine aussterbende Spezies
10.01.2012
Lieber Herr Müller, beim Lesen Ihres Leserbriefes hat sich uns die Frage aufgedrängt, wann genau Sie denn zum letzten Mal eine Universität von innen gesehen haben? Diese „nicht studierfähigen“ Studenten, die sie erwähnen, haben alle eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erworben und haben damit das Recht und die Befähigung ein Studium zu beginnen – und das erst einmal ganz unabhängig von ihrem Abitursdurchschnitt. Mit Aufnahmeprüfungen, wie sie diese vorschlagen, würde das Abitur seinen eigentlichen Sinn verlieren.
Auch die „ewigen Studenten“ sind eine aussterbende Spezies. Mit der Umstellung auf Bachelor und Master ist jedem Student in seinem Studienfach ein Zeitlimit gesetzt. Wird dieses Überschritten folgt die Zwangsexmatrikulation, was nicht selten studierwilligen Studenten zum Verhängnis wird. Sie stehen dann vor dem Problem, vier Jahre ihres Lebens und eine nicht unbeträchtliche Summe an Geld geopfert zu haben.
Ebenso das Bafög, das nur sehr begrenzt Studienfachwechsel zulässt, schiebt diesen „ewigen Studenten“ einen Riegel vor, was wiederum bedeutet, dass man sich einen Studienfachwechsel oftmals nicht leisten kann. Folglich sind Studiengebühren eigentlich kein Mittel, um Langzeitstudenten vorzubeugen. Die Studiengebühren führen auch nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Studienbedingungen. Hörsäle sind immer noch überfüllt und Lehrveranstaltungen fallen aus oder finden ganze Semester lang nicht statt. Noch problematischer ist, dass Studiengebühren vor allem für Abiturienten aus ärmeren Familien abschreckend wirken können, da diese zusätzlichen 500 Euro für jemanden, der kein Einkommen hat, sehr viel Geld sind. Die Studiensituation hat sich so verändert, dass es selbst in den Semesterferien auf Grund von Praktika und Klausuren, schwieriger geworden ist zu arbeiten. Auch während des Semesters bleibt kaum Zeit, da eine Arbeitsbelastung von 60 Stunden pro Woche kein Einzelfall ist.
Zu guter Letzt möchten wir darauf eingehen, dass Sie sich ein Drittel weniger Studenten wünschen. Weniger Studenten bedeuten weniger Hochschulabsolventen. Dies führt wiederum zu weniger gut ausgebildeten Fachkräften. In internationalen Vergleichen hat Deutschland eine eher geringe Hochschulabsolventenquote, was in Zeiten eines Fachkräftemangels kontraproduktiv ist. Alles in allem würde Ihre vorgeschlagen „Bildungsreform“ dazu führen, dass nur noch ein bestimmter Teil der Bevölkerung seinen Kindern ein Studium ermöglichen kann, sei es z.B. durch Finanzierung von Studiengebühren oder Vorbereitungsseminaren für Hochschulzugangsprüfungen.
Monika und Claudia AlberBuchtalstraße 23, Tailfingen
