Leserbrief

Studieren mit und ohne Gebühr erfordert hohen Einsatz

07.01.2012

Nachdem nun mehrere Leserbriefe erschienen sind, die die Abschaffung der Studiengebühr auf einseitig klischeehafte Art kritisierten, möchte ich mich als Mutter zweier Studierender, die nicht in den Genuss der „Einmal-gratis-Studieren-Regelung“ bei Familien mit drei Kindern kam, bei der Landesregierung für die längst überfällige, sehr angefochtene Abschaffung der Studiengebühren bedanken. Bei den Leserbriefen bezüglich der Studiengebühr bekommt man den Eindruck, dass viele Studierende heutzutage faul von einem Studienfach zum anderen tingeln, während sie es sich auf Staatskosten ohne eigene Anstrengung gut gehen lassen. Diese karikierende Darstellung ist für mich realitätsfern und klischeehaft. Mag sein, dass es vereinzelt Fälle gibt, die sich gekonnt im Sozialsystem „herumhangeln“, doch das betrifft dann nicht speziell die Studierenden, sondern die Gesellschaft insgesamt. Studieren mit und ohne Gebühr erfordert einen hohen Einsatz, Verzicht auf Freizeit und eine Bereitschaft zur Belastbarkeit und Beharrlichkeit. Natürlich gibt es genug Länder auf der Welt, in denen das Studieren noch viel zu teuer ist und eine hohe Verschuldung der Studenten zur Folge hat. Aber muss Deutschland den Negativbeispielen folgen oder sollten wir beim Thema Bildung nicht weiter vorangehen? Die sozialen Unterschiede sind in unserer Zeit viel gravierender geworden als etwa in den 80er- bis 90er-Jahren. Damals war die Studiengebühr kein Thema. Bildung ist nie umsonst, sollte aber nicht teuer oder kaum bezahlbar sein für diejenigen, die sie erhalten. Ist Bildung für alle Gesellschaftsschichten intellektuell und auch Herzensbildung? Dass die Älteren den Jungen den Rücken stärken, damit sie vorankommen, das ist doch auch wichtig für eine gesamtgesellschaftliche Weiterentwicklung. Und da ist der Neid auf „kostenlos“ Studierende gänzlich unangebracht.

Ulrike Lorenz
Schloßstraße 3, Geislingen