Leserbrief

Auch Kinder aus Arbeiterfamilien studieren

29.12.2011

Mit Ihren Gedanken wollen Sie sagen, dass nur Kinder von wohlhabenden Eltern studieren können. Das widerlege ich. Meine Eltern haben beide in Akkordarbeit ihr Einkommen bei circa 45 Stunden pro Woche verdient. Im Jahre 1968 habe ich an der damaligen Wirtschaftsoberschule in Albstadt die fachgebundene Hochschulreife erlangt. Ab dem Wintersemester 1968/69 habe ich bis ins Frühjahr 1974 an der Universität Tübingen studiert. Um die Kosten des Studiums so gering wie möglich zu halten, bin ich täglich um 5.30 Uhr aufgestanden und mit Bus und Bahn nach Tübingen gefahren. Ich war immer einer der ersten im Hörsaal. Ich wollte und konnte meinen Eltern die Kosten für ein Zimmer nicht zumuten. Um die Studienzeit erträglich zu gestalten, habe ich von fünf Studienjahren zwei Jahre nachweislich als Semesterjobber gearbeitet. Das brachte damals circa 5000 DM im Jahr. Damit konnte ich Bücher und Kleidung bezahlen. Nach dem Studium war ich 35 Jahre im Schuldienst an kaufmännischen Schulen. Die meisten Kollegen kamen nicht aus wohlhabenden Familien, sondern, so wie ich, aus dem Arbeitermilieu. Ich gehe davon aus, dass Sie studieren. Ich gebe Ihnen eine Hausaufgabe: Machen Sie einmal eine empirische Untersuchung darüber, wie viele der heutigen Studenten aus reichen und welche aus normalen Familienverhältnissen stammen. Sie werden sich wundern, wie viele Ihrer Studentenkollegen aus Normalverdienerhaushalte kommen. Aus Ihrem Brief entnehme ich weiterhin, dass Sie auf „Vollkaskoversorgung“ stehen. Bildung soll und darf nichts kosten. Sie ordne ich der Gruppe von Menschen zu, die sich aufregen, wenn Sie in einer Autobahnraststätte für die Toilettenbenutzung 70 Cent bezahlen müssen. Das heißt: Sie wollen ein wohltemperiertes Klo, warmes Wasser, einen gefüllten Seifenspender, Papierhandtücher und stets freundliches Reinigungspersonal. Und das alles umsonst. Nein Herr Majer. Nach dem Verursachungsprinzip sieht es anders aus. Wer eine Leistung will, der soll auch eine Gegenleistung erbringen. Sie bezeichnen die Studiengebühr als „unsozial“. Ich sage Ihnen was ich unter den Begriffen „unsozial“ und „sozial“ verstehe. „Sozial“ verhält sich jemand, der zum Wohle der Allgemeinheit etwas beiträgt, und „unsozial“ oder auch „asozial“ genannt verhält sich jemand, der andere für sich arbeiten lässt und sich selber in die Hängematte legt.

Gerhard Müller
Siemensstraße 24, Balingen