Leserbrief
Auch das Menschsein entfalten
21.12.2011
Seine Eltern erkennen durchaus seine Fähigkeiten und fördern sie auch auf kindgerechte Weise, aber sie üben keinen Druck aus, sondern lassen ihn eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit erleben. Mit sieben kommt er in die Grundschule, erfüllt spielend deren Anforderungen und kann mit elf Jahren das Gymnasium besuchen. Dort erweist er sich als vielseitig interessiert, zeigt aber wenig Bereitschaft, permanent Leistungen zu erbringen und sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten.
Er profiliert sich lieber durch außerschulische Aktivitäten, vor allem im musischen, aber auch im sportlichen Bereich. Seine kommunikative Art bringt ihm Sympathien ein und führt zu guten Freundschaften. Obwohl begabt, vernachlässigt er die schulischen Aufgaben, bis er irgendwann zu einer „Ehrenrunde“ gezwungen ist. Nach mittlerer Reife wechselt er auf ein berufliches Gymnasium über, um dem G8-Zwang zu entgehen. So schafft er nach zehn Gymnasialjahren ein ordentliches, wenn auch nicht glänzendes Abitur.
Er ist jetzt 21 Jahre alt und kann mit einem Studium beginnen. Das zunächst gewählte Studienfach vermag ihn jedoch nicht zu befriedigen. Daher entschließt er sich nach zwei Semestern zu einer Alternative, die ihm wesentlich mehr Freude bereitet. Wenn man von zwei Bummelsemestern absieht, zieht er sein Studium konsequent durch und bringt es nach zehn Semestern zu einem erfolgreichen Abschluss. Inzwischen hat er aber noch Geschmack an weiteren Studienfächern gewonnen, z.B. an Philosophie, und er fügt noch weitere vier Semester an.
Auf diese Weise umfassend gebildet und ausgebildet, findet er, 29 Jahre alt, eine ihm gemäße berufliche Stellung. Doch auch Familie und Privatleben sind ihm wichtig. Als vielseitig interessierter Mensch beschäftigt er sich außerdem mit mancherlei Sachgebieten, die außerhalb der beruflichen Sphäre liegen. Kein Wunder, dass es mit Beförderungen schleppend vorangeht. Als er mit 60 gewisse Stresssymptome bemerkt, z.B. leichten Bluthochdruck, zieht er die richtige Konsequenz: Er beantragt den vorzeitigen Ruhestand.
Er erlebt einen sehr erfüllten Lebensabend der Weiterbildung und der Pflege von Hobbies. Dabei erweist sich im Nachhinein auch das abgebrochene Anfangsstudium als wertvoll. Sein Privatleben gestaltet sich menschlich sehr erfreulich. Sein relativ glückliches Leben bewirkt eine positive Persönlichkeitsausstrahlung, die ihm Sympathie einbringt.
Lebensbilanz: Etwa ein Drittel seiner Lebensjahre waren Berufsjahre. Er arbeitete, um zu leben. Sinn seines Lebens waren Ausweitung des Erfahrungs- und Bildungshorizonts sowie die Entfaltung seines Menschseins.
Wolfgang RaichleTaunusstraße 36, Ebingen
