Packt der Knastbruder aus?

Mühlengeist-Prozess könnte heute vor entscheidender Wende stehen

Hechingen/Balingen, 15.12.2011 von Karl-Otto Müller

Anzeige
Wie kommt der belastende Brief in die Hände der Polizei? Wurde der Mühlengeist-Wirt ausgetrickst? Droht der Anwältin, die den Brief aus dem Knast schmuggeln wollte, ein Ermittlungsverfahren?

Als Zeuge will ein ehemaliger Knastbruder heute, (ab 8.30 Uhr im Landgericht Hechingen) Licht ins Dunkel und vor allem die Wahrheit ans Tageslicht bringen. Denn ihm soll sich der wegen Brandstiftung angeklagte und seit Frühjahr in U-Haft sitzende Mühlengeist-Wirt anvertraut haben. Diesem Zellengenossen gegenüber habe er jene Brandnacht geschildert, behauptet dieser heute. Unter anderem untermauert durch ein Schreiben, das Richter Herbert Anderer in der Hauptverhandlung verlas. Den dreiseitigen Brief (entgegen eines eigenhändig-verfassten Briefes in geschliffenem Deutsch formuliert!) soll der Mühlengeist-Gastronom seinem Knastbruder diktiert haben. Adressiert ist er an ein eng-befreundetes Balinger Ehepaar. In Formulierungen, wie „haltet dicht, es ist für Euch alle gesorgt“, sehen die Ermittler quasi das Schuldeingeständnis belegt. Die Anwältin des Zellengenossen wollte den Brief an der Gefängnis-Zensur vorbei hinausschmuggeln.

Natürlich hätte sie sich damit als Organ der Rechtspflege strafbar gemacht, ja, selbst ihre Kammerzulassung aufs Spiel gesetzt – zu einem etwaigen Ermittlungsverfahren wollte sich die Staatsanwaltschaft Hechingen gestern nicht äußern. Antworten hierzu, so hieß, wären frühestens in der heutigen Hauptverhandlung zu erfahren. Oder hatte sie den Brief pflichtschuldigst den Behörden ausgehändigt – und damit ihren eigenen Mandanten aufs Kreuz gelegt?

Neben zahlreichen Indizien, die nach Ansicht der Kripo und der Staatsanwaltschaft für die Täterschaft des früheren Wirts und dessen Bruder sprechen, sollen vor allem die Schilderungen des Zellenkollegen als Hauptbelastungszeuge die Schuldfrage klären. Zumindest beim Bruder des inhaftierten Gastronomen hatte dessen Name in bisherigen Verhandlungsrunden regelmäßig zu sichtlich-nervlicher Anspannung geführt. Dabei seien sich, so Richter Anderer, beide nie begegnet.

Ein weiterer Belastungszeuge hatte sich in dieser Woche derweil vor dem Balinger Amtsgericht wegen Einbruchdiebstahls zu verantworten – nur kurz am Rande kamen parallel laufende Ermittlungen wegen der Betrugsmasche im Weilstetten C & C-Markt zur Sprache. Der mehrfach Vorbestrafte war einer der Marktmitarbeiter, die Waren am Kassenscanner vorbeigelotst hatten. Über Jahre hinweg sei dies so praktiziert worden, hatte der Mühlengeist-Wirt vor Gericht eingeräumt – Kollegen hätten ihn auf diese Praxis aufmerksam gemacht, da habe er spontan entschieden: „Da steig´ ich ein!“

Um gut 200 000 Euro, so hatte Richter Anderer überschlagen, sei der Markt damit geprellt worden.

Jetzt Mitmachen

Anzeige
Anzeige

PROBE LESEN

Der ZAK bei Facebook