Von Talenten und Heiligen

15.12.2011 von Daniel Seeburger

Was hat Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit jener 58-jährigen Konstanzer Altenpflegerin zu tun, die im vergangenen Jahr von ihrem Arbeitgeber entlassen worden ist, weil sie sechs übrig gebliebene Maultaschen mit nach Hause genommen hatte, die sonst im Müll gelandet wären? Beide sind Talente, aber keine Heiligen. EU-Kommissarin Neelie Kroes suchte ein Talent – und fand Gefallen an zu Guttenberg. Einen Heiligen wollte sie nicht, als sie den wegen Schummeleien bei seiner Doktorarbeit entlassenen Verteidigungsexperten als Berater bei der EU-Behörde für Internetfreiheit eingestellt hat. Im Gegensatz zu Guttenbergs Vergehen, das keinesfalls ein Kavaliersdelikt gewesen ist, zeigte die Altenpflegerin Kreativität. Sie rettete Essensreste vor dem Mülleimer, verkörperte also die schwäbischen Ideale der Sparsamkeit und der Ehrfurcht vor der Nahrung – und verstieß damit gegen eine ausdrückliche Anweisung des Seniorenheim-Betreibers. Guttenberg dagegen schmückte sich mit fremden Federn, wies die Arbeit anderer als seine eigene aus. Der Freiherr ist Politiker – und die fallen bekanntlich weich, wenn sie gegen ausdrückliche Anweisungen des Gesetzgebers verstoßen. Die Altenpflegerin hat geklaut und deshalb ihren Job verloren. Guttenberg hat ebenfalls geklaut – aber er ist ja ein Talent.

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