Leserbrief
Nicht zu viel Versprechen
25.11.2011
Am Sonntag können wir sehen, wie es aussieht, wenn der Souverän sich gegen die Beschlüsse einer Regierung beziehungsweise einer Partei richtet. Trotz der gegenläufigen Meinung, die man in den letzten Monaten bekommen konnte, besteht Baden-Württemberg nicht nur aus S-21-Gegnern. Diese Erkenntnis wird am Sonntagabend endlich den Bann brechen. Ein Infrastrukturprojekt wird dann endlich seine öffentliche Legitimation erfahren, welche ihm seit einiger Zeit vehement abgesprochen wurde. Denn es werden alle Menschen darüber entscheiden, nicht nur die Demonstranten, die sich oft genug das Recht herausnahmen im Namen des „Großteils“ der Bevölkerung zu sprechen. Man muss sich das mal vorstellen: Da ziehen circa 20 000 Demonstranten durch Stuttgart und behaupten: „Der Großteil der Stuttgarter ist gegen S-21.“ Stuttgart hat knapp 600 000 Einwohner, dann muss es ja aber auch noch 580 000 andere Einwohner geben, die nicht wütend durch die Straßen laufen. Und dieser Rest entscheidet ebenfalls. Auch hat S-21 den Stresstest bestanden, der aber ja dann auf einmal nicht mehr von den Gegnern anerkannt wurde. Ob das der Fall gewesen wäre, wenn S-21 den Stresstest nicht bestanden hätte? Fakt ist auch, dass bei der Landtagswahl im März über 67 Prozent der Wähler Parteien gewählt haben, die S-21 unterstützen und nur 24 Prozent der Wähler eine Dagegen-Partei gewählt haben. Wo am Sonntag eine Verdoppelung dieser Contra-Stimmen herkommen soll, ist mir schleierhaft. Und so wird bei diesem einmaligen Plebiszit in der Geschichte Baden-Württembergs nur eins herauskommen: S-21 wird gebaut werden! Es stellt sich dann aber die Frage, ob eine Partei, die nur ein Wahlkampfthema hatte, nämlich: „Mit uns gibt es kein Stuttgart 21“, nicht gescheitert ist? Denn diesen zentralsten Punkt ihres Wahlversprechens haben die Grünen dann nicht gehalten. Ein Punkt, über den sie sich definiert haben, als die Proteste ihre Höhepunkte erreicht hatten. Mir schwant, die Rücktrittsforderungen werden ab da nicht mehr lange auf sich warten lassen. Und die Moral von der Geschichte? Versprich nur, was du auch halten kannst.
Alexander RingwaldRübenhäule 35 , Tailfingen
