Ein weiter Weg für die Schwaben
Handball: HBW weist viele Defizite auf
Sindelfingen, 15.08.2011 von Reinhard Linder
Herausgekommen sind ein siebter Platz, zwei verletzte Spieler (Fabian Gutbrod und Kai Häfner) und für Dr. Rolf Brack die Erkenntnis, dass es in der verbleibenden Zeit noch viel zu tun gibt: „Wir müssen Handball spielen statt Handball würgen.“ Einigermaßen zufrieden war der HBW-Trainer nur mit dem Überzahlspiel seiner Jungs und mit ihrem Verhalten in Unterzahl. Ansonsten sieht er überall gewaltige Defizite: „Selbst unsere erste Sechs hat nicht die Grundqualität an den Tag gelegt, um einen Zweitligisten wie Bittenfeld zu beherrschen.“ Noch deutlicher sei dieser Unterschied gegen die Ligarivalen Göppingen und die Rhein-Neckar Löwen ins Auge gestochen: „Im Angriffsspiel sechs gegen sechs haben wir keine Chance. Das geht nur mit dem siebten Mann.“
Tatsächlich hatten alle Gegner mit dem permanenten Überzahlspiel der Schwaben ihre Probleme. Auch wenn sie mal den Ball abfingen und ins leere Tor bugsierten, so kassierten sie doch wenigstens genauso viele Treffer, von denen einige klasse herausgespielt waren. „So schön wie wir spielt hier keine andere Mannschaft“, war HBW-Geschäftsführer Bernd Karrer entzückt.
Dass der zusätzliche Feldspieler kein Allheilmittel ist, weiß Brack genau: „Wir können in unser erstes Spiel gegen Gummersbach doch nicht von Beginn an mit dem siebten Mann gehen. Das wäre Harakiri.“ Zwar verfüge die Mannschaft über einige Varianten, um aus der Überzahl Kapital zu schlagen, aber eben nicht über 60 Minuten. Zumal die Passgenauigkeit grundsätzlich zu wünschen übrig lasse und sich Fehlabspiele mit zunehmender Müdigkeit häuften, so Brack: „Andere Teams können die Ermüdungserscheinungen besser kompensieren. Uns fehlt dazu die Qualität und Cleverness.“
Genau das Symptom Fehlpässe tauche in brutaler Häufigkeit auch beim Gegenstoß auf, klagt der 57-Jährige: „Unsere Konterquote ist ein mittleres Desaster.“ Selbst Bittenfeld habe den Kontervergleich deutlich zu seinen Gunsten entschieden: „In dieser Hinsicht sind wir nicht konkurrenzfähig.“
Die größte Baustelle ist nach dem Weggang von Felix Lobedank und Vladimir Temelkov sowie dem verletzungsbedingten Ausfall von Daniel Sauer aber derzeit die Abwehr. Drei Systeme hat Brack auf den Prüfstand gestellt, bestanden hat keines. „Uns fehlt jedes taktische Gespür“, zieht er ein ernüchterndes Fazit. Alle vier Linkshänder auf der rechten Abwehrseite hätten gewaltige Deckungsprobleme und wie wichtig ein Defensivspezialist wie Sauer sei, zeige sich eben erst, wenn er mal fehle. Während Brack weiterhin an der 3:2:1- und 5:1-Formation festhalten will, erteilt er der 6:0-Abwehr, die von fast allen Klassenkameraden bevorzugt wird, vorläufig eine Absage: „Wir haben mit diesem System keine Erfahrung, da fehlt uns die Aggressivität und die Finesse.“
Das enttäuschende Abschneiden in Sindelfingen betrachtet der HBW-Coach als ein Alarmsignal. Wenn Großwallstadt, das er in der Bundesliga zum Mittelmaß rechne, mit nur acht Mann mit 22:18 gegen Kolding gewinne, zeige dies, wo sein Team derzeit stehe. Die bisherigen Siege in der Vorbereitung seien nur gegen unterklassige Mannschaften zustande gekommen und könnten deshalb nicht als Gradmesser dienen. „Es wird vieles zu schön geredet“, versetzt er den Optimisten in den eigenen Reihen einen Schuss vor den Bug und warnt sie vor zu hoch gesteckten Erwartungen: „Es wird sehr schwer werden, in nur drei Wochen substanzielle Verbesserungen zu erreichen.“
