Zeugen werfen neue Fragen auf
Dritter Tag im Prozess um Steuerhinterziehung
Zollernalbkreis, 24.02.2011 von Klaus Irion
Der Vorsitzende Richter und der Staatsanwalt hatten sich wohl etwas mehr Licht im Dunkel versprochen, nachdem für den gestrigen Verhandlungstag drei weitere Zeugen ihre Sicht der Dinge schildern sollten. Am Ende der Aussagen waren aber fast wieder mehr Fragen offen, als zuvor Antworten gegeben worden waren. Und so könnte das eigentliche Ende der Beweisaufnahme kommende Woche noch einmal in die prozessuale Verlängerung gehen.
Fakt scheint nach wie vor, dass der Kutschenhändler zwischen 1999 und 2003 seinen polnischen Lieferanten auf den buchhalterisch festgehaltenen Kutschen-Einkaufspreis zumeist noch einen nicht schriftlich vermerkten Bargeld-Aufschlag zu bezahlen hatte. Und dies wohl stets am Finanzamt vorbei. Nun aber stellt sich die noch immer nicht geklärte Frage, wie viel Bargeld über welche Kanäle wohin geflossen ist? Auch ob Kutschen tatsächlich „schwarz“ verkauft wurden, um stets das Bargeld parat zu haben, mit dem der Angeklagte die Kutschenbauer bedienen musste, ist weiter offen. Letzteres wurde gestern durch die Aussage eines früheren Kutschenverkäufers indirekt genährt. Schließlich sprach er davon, dass im Unternehmen des Angeklagten, bei dem ihm im Jahr 2005 „nach Meinungsverschiedenheiten“ gekündigt worden war, „im Schnitt so um die 300 Kutschen im Jahr“ verkauft worden seien.
Von ganz anderen Zahlen berichtete anschließend eine noch heute im Betrieb angestelltes „Mädchen für alles“, wie sie sich selbst bezeichnete. Ihrer Aussage nach „werden pro Jahr keine 50 Kutschen verkauft“. Ob sie sich denn nie die Frage gestellt habe, wie sich ein solches Unternehmen trägt? „Das müssen Sie meinen Chef fragen.“ Dieser hatte gestern als Reaktion auf die unterschiedlichen Aussagen von 75 verkauften Kutschen im Jahr 2010 gesprochen. Unter Umständen liegt die Kutschenanzahl-Differenz aber auch mit daran, dass die polnischen Erbauer Teile ihrer Ware direkt an Händler oder Privatkunden lieferten und der Angeklagte dabei lediglich eine Vermittlungs-Provision kassierte.
Unklar ist seit gestern auch wieder, woher das gesamte Geld auf einem Konto des Kutschenhändlers bei der Kantonalbank in Schaffhausen stammt. Der Großteil mitnichten aus nicht verbuchten Geschäften wie bislang von Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung vermutet wird.
Das behauptet zumindest der ehemalige Steuerberater des Angeklagten, der gemeinsam mit dessen Ehefrau derzeit die beschlagnahmte Akten beim Finanzamt Reutlingen sichtet und Nachweise seiner Behauptung liefern möchte.
