Europa-Pionier arbeitet fürs Ländle - Was macht eigentlich . . . Carsten Glietsch
Der 32-Jährige setzt sich in Brüssel für die Belange Baden-Württembergs ein
Balingen/Brüssel, 25.08.2001 von Roland Beck
In Balingen begann er eine ganz normale Beamtenlaufbahn. Heute ist Carsten Glietsch der Leiter des Europabüros der baden-württembergischen Kommunen in Brüssel.
Aufgewachsen in Bad Dürrheim, kam Carsten Glietsch mit seiner Familie 1985 nach Balingen. Der damals 16- Jährige besuchte das Gymnasium, und ließ sich nach Abitur und Wehrdienst an der Fachhochschule in Kehl zum Diplom-Verwaltungswirt ausbilden. Erste Berufserfahrungen sammelte er im Landratsamt Zollernalbkreis, wo er für Polizei- und Gewerberecht zuständig war.
"Obwohl das Thema hoch interessant und das Arbeitsklima sehr gut war, wollte ich etwas Neues kennen lernen", erklärt Glietsch. Zuerst habe er sich für ein Jura- oder BWL-Studium interessiert. Doch erst ein Beratungsgespräch beim Arbeitsamt habe ihm den eigentlich nahe liegenden Studiengang Verwaltungswissenschaften näher gebracht. "Vorher war für mich allein der Name schon so abschreckend, dass ich da gar nicht ran wollte", erinnert er sich, "doch dann habe ich mich näher damit befasst und festgestellt, dass dieses Studium viel mehr Möglichkeiten bietet als Jura oder BWL."
Internationale Beziehungen und Management waren seine Hauptthemen an der Universität Konstanz. Zwei Auslandssemester im irischen Limerick und dem kanadischen Toronto sowie ein Praktikum beim Europaabgeordneten Honor Funk in Brüssel rundeten sein zweites Studium ab. "Ins Ausland wollte ich immer schon, weil mir die fremden Kulturen und Sprachen gefallen", schwärmt Glietsch, "und so bin ich richtig auf den Geschmack des Internationalen gekommen."
Deutsch als Muttersprache, sehr gute Kenntnisse in Englisch und Französisch, Grundkenntnisse in Italienisch und Spanisch - mit diesen Referenzen bewarb sich Carsten Glietsch vor zwei Jahren auf den Posten des Leiters des Europabüros der baden-württembergischen Kommunen in Brüssel. "Die Stelle gab es vorher gar nicht. Ich habe also das Büro aufgebaut", sagt Carsten Glietsch. Die Idee, die dahinter steckt, ist es, einen Horchposten und ein Frühwarnsystem für die baden- württembergischen Kommunen einzurichten. "Das, was in Brüssel beschlossen wird, beeinflusst so stark das Selbstverwaltungsrecht der Städte, Gemeinden und Landkreise, dass sie und ihre Verbände ein Verbindungsbüro in der europäischen Metropole brauchen", erklärt Glietsch. Übrigens: Bundesweit haben außer Baden-Württemberg nur Bayern und Sachsen eine Vertretung in Brüssel. Carsten Glietsch leistet also Pionierarbeit. Er ist der Europa- Pionier für die Städte und Kreise aus dem Ländle.
Vier Grundaufgaben umfasst sein Aufgabengebiet: 1. Informationsbeschaffung und die Weitergabe an die Kommunalverbände nach Stuttgart; 2. Die Standpunkte der baden-württembergischen Kommunen bei der EU-Kommission und den Europaabgeordneten einbringen; 3. Informationsfahrten nach Brüssel organisieren und betreuen; 4. Kommunale Förderanfragen bearbeiten.
Sein Hauptaugenmerk richtet Carsten Glietsch auf die Kommission und auf die Europaabgeordneten. "Ich bin halt ganz auf der Seite der baden-württembergischen Städte, wobei sich die Abgeordneten von Landes-, Fraktions- und Europainteressen leiten lassen. Da trete ich dann als Beobachter und Berater in Erscheinung", erklärt er. Ansonsten ist Carsten Glietsch natürlich auch Ansprechpartner für alle baden- württembergischen Kommunen bei europäischen Themen - etwa wenn es um eine Städtepartnerschaft geht. Stolz ist er auf das Kompliment, das er einmal von einem Bürgermeister bekommen hat: "Mit Ihnen, Herr Glietsch, hat Europa für uns ein Gesicht bekommen."
"Ich möchte die baden-württembergischen Städte und Gemeinden Europa-fit machen", beschreibt Glietsch sein Ziel. Deshalb bietet er auch Hospitanzen und Praktika für Verwaltungsmitarbeiter an. Dabei ist es ihm egal, ob ihm ein Auszubildender oder ein Bürgermeister ein bis zwei Wochen über die Schulter schaut. "Bei Europa fängt jeder bei Null an", erklärt er, "das merkt man gleich, wenn man nach dem Unterschied zwischen Europarat, Europäischer Rat und Rat der Europäischen Union fragt."
Trotz hoher Arbeitsbelastung und diversen Abendterminen bleibt ihm hin und wieder etwas Freizeit. Dann geht er seinem Hobby nach: Fußball. "Ich frage auch regelmäßig die Ergebnisse der TSG über die ZAK-Homepage ab", lacht er. Und ungefähr einmal im Monat, wenn er einen Termin im Ländle hat, schaut er auch in Balingen vorbei.
Zwei Jahre will er auf jeden Fall noch in Brüssel bleiben, bevor er seinem Fernweh wieder freien Lauf lässt. "Aber irgendwann werde ich wieder nach Baden-Württemberg ziehen, weil es hier doch am schönsten ist", schmunzelt Glietsch. Carsten Glietsch ist zu erreichen unter Europabüro der baden-württembergischen Kommunen, Rue Montoyer 17, B-1000 Brüssel; Telefonnummer 0032-2-513-65-46 oder per E-Mail an EuropabueroBWKomm@compuserve. com.
