Loblied auf die Mittelständler
Prof. Max Otto spart nicht mit Kritik am weltweiten Großkapital
Balingen, 17.01.2011 von Klaus Irion
Aus Sicht der Stadtoberen das Wichtigste vorab: Eine verbale Überraschung à la Heiner Geißler wie im vergangenen Jahr blieb beim Balinger Bürgertreff 2011 aus. Zwar sparte auch Prof. Max Otte aus Köln bei seinem Gastvortrag nicht mit Kritik am Kapitalismus. Allerdings beschränkte sich der 46-jährige Betriebswirtschaftler mit deutscher und amerikanischer Staatsbürgerschaft bei seiner Kritik auf die großen, weltweit agierenden Investment-Unternehmen und Rating-Agenturen. Mithin „das System des Bösen, dem ich beinahe selbst verfallen wäre“. Heute sei er froh, dass er nach seinem Studium nicht bei einem dieser Unternehmen angeheuert, sondern seine Promotion beendet habe.
Seine wissenschaftliche Karriere hatte Otte einst beinahe auch einmal an die Hochschule Albstadt geführt. Heute nun ist der Chef des Instituts für Vermögensentwicklung in Köln gleichzeitig auch Professor für allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms. Und dabei auch ein Anwalt des deutschen Mittelstands und grundsolider Aktienanleger. Die mächtigen Rating-Agenturen bezeichnete Otte in Balingen als „angelsächsisch geprägtes Kartell, das dem ganzen Investement-Müll seinen Stempel aufdrückt“. Das schlimme daran sei, dass sich diese Praxis auch nach der weltweiten Finanzkrise nicht geändert habe. Nach wie vor herrsche an vielen Stellen eine „Lug- und Betrugswirtschaft mit Krediten ohne Dokumentenpflicht“. Beispiele wie „Goldman-Sachs“ und „die riesige Luftnummer Facebook“ seien Beweise dafür.
Otte selbst sang in der Balinger Stadthalle dafür das Hohe Lied auf die soliden Vermögensinvestierer, aber auch auf die Sparkassen und Volksbanken. Er warb darum, dass in der Finanzwirtschaft auch weiterhin „sittliche-moralische Wertvorstellungen ihren Platz haben“. All dies verortet er in den mittelständischen Unternehmen, dem wirtschaftlichen Rückgrat des Landes. „Es ist ein großes Glück, dass es ihn gibt.“
Was die (wirtschaftliche) Zukunft Deutschlands angeht, so entwarf der Wirtschaftsprofessor ein durchaus positives, wenn auch nicht rosarotes Szenario. Mahnte aber auch gleichwohl, danach zu schauen, dass die Schere zwischen arm und reich nicht noch weiter auseinanderklafft. Hier sieht er vor allem den Staat in die Pflicht. Dieser nehme nämlich in vielerlei Hinsicht seine ordnungspolitische Aufgabe nicht mehr wahr. Als ein Zeichen dafür, dass das solidarische Miteinander von Arbeitnehmer und Arbeitgeber aber doch noch funktioniert, nannte Otte die zuletzt „massenhafte Kurzarbeit“, die auch dazu beigetragen habe, dass Deutschland die Finanz- und Wirtschaftskrise einigermaßen gut überstanden habe.
