Ein schwerer Abschied für die Zunft
Ära der Geislinger Prunksitzungen im „Rössle-Saal“ endet dieses Jahr – Hermann Kübler auf Zuhörerbank
Geislingen, 12.01.2011 von Rosalinde Conzelmann
August Schädle verbindet auch privat sehr viel mit dem Gasthaus „Rössle“, das dieses Jahr Geschichte ist. Wie vom ZAK mehrfach berichtet, wird das Gebäude abgerissen, um einem Netto-Markt Platz zu machen. Nicht nur seine Hochzeit und die Taufen seiner Kinder fanden im „Rössle“-Saal statt. „Wir haben uns beim Wirtedienst an der Bar unseren ersten Fernseher verdient“, erzählt er lachend.
Der „Rössle-Saal“ ist für die Narrenzunft, die 2010 das 50-jährige Jubiläum feierte, wie für viele andere örtliche Vereine eine Heimat. Die „Spandalen-Fasnet“ und das „Rössle“ sind wie ein altes Ehepaar, das bereits Goldene Hochzeit gefeiert hat.
Nur zweimal in der Vereinsgeschichte gab es an der Geislinger Fasnet keine Prunksitzung im „Rössle“: 1980 als die Zunft ihr 20-jähriges Jubiläum in der TSV-Halle feierte und 1991 als wegen des Golfkrieges alle närrischen Veranstaltungen abgesagt wurden. All die anderen Jahre waren die Prunksitzungen – zu Beginn nach Mainzer Vorbild gestaltet – die Höhepunkte in der närrischen Saison. Seit Jahren finden mittlerweile zwei Prunksitzungen statt, jeweils am Samstag und am Sonntag, weil der Besucherandrang so groß ist.
Rössle-Wirt Hermann Kübler hat sich bereits aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen. Der Geislinger ist jedoch ein Freund der Narrenzunft und hat der Narrenzunft rechtzeitig signalisiert, dass sie ihre Prunksitzungen am 26. und 27. Februar vor dem Abriss des Gebäudes in Eigenregie durchführen können. „Hermann Kübler überlässt uns den Saal und wir werden selbst wirten“, sagt August Schädle, der sich über dieses Angebot seines Vereinskollegen, der zwischenzeitlich Ehrenmitglied ist, sehr gefreut hat. Denn trotz der Mehrarbeit sind die Narren überglücklich, dass es diese beiden letzten Prunksitzungen geben wird. „Das Rössle ist ein Herzstück unserer Stadt“, sagt Schädle, der davon ausgeht, „dass an diesen Abenden einige schlucken und die Tränen verdrücken werden“. Bei den Vorgesprächen mit Hermann Kübler sei schon Wehmut aufgekommen. „Dass ich einmal in deiner Küche arbeiten darf, hätte ich nie gedacht“, wandte sich ein Vereinsmitglied an den Hausherren. Schließlich waren die Zunft und der Gastwirt jahrzehntelang ein eingespieltes Team und haben so auch zum Erfolg der Prunksitzungen beigetragen.
Auch Hermann Kübler fällt der Abschied nicht leicht. Allerdings ist der Ruheständler auch glücklich, „dass der ganze Druck nun weg ist und ich nicht mehr bis in die Puppen hinterm Tresen stehen muss.“ Er und sein zwölfköpfiges Team sind dieses Jahr Ehrengäste bei der Prunksitzung. „Dann bekomme ich zum ersten Mal alles richtig mit“, sagt er lachend. Das „Rössle“ wird zum letzten Mal an der Kinderfasnet geöffnet sein, dann schließt Kübler endgültig die Eingangstüre ab.
Für die Zunft bedeutet der Abriss des Gebäudes einen gravierenden Einschnitt. „Wir müssen die Fasnet neu ordnen“, sagt Schädle. Er geht davon aus, dass die Geislinger Fasnet künftig in der TSV-Halle stattfinden wird. Denn bis zuletzt hatte nicht nur die Narrenzunft gehofft, dass die Stadt das Gebäude erwirbt und so die Weiternutzung gesichert gewesen wäre oder ein neuer Gastronom die lange Tradition fortführt.
