Samstag, 22. November 2014 von Volker Schweizer

Hauptsache laut und schrill

Obwohl die Privatsender ihren primitiven Mist längst aus dem Nachmittagsprogramm verbannt haben, gibt es im deutschen Fernsehen Talkshows noch wie Sand am Meer. Ein Format sticht aus der Masse aber als höchst sehenswert heraus: Das SWR-Nachtcafé. Jeden Freitag freue ich mich darauf, im besonderen natürlich auf Wieland Backes, der seriös und respektvoll mit seinen Gästen umgeht. Er lässt sie ausreden und stellt kompetente Fragen. Schade also, dass der Österreicher Ende des Jahres endgültig aufhört. Wenn es nur mehr so unaufgeregte und souveräne Moderatoren geben würde. Auch im Radio. Wer morgens Nachrichten hören möchte, braucht starke Nerven. Die Radiomacher, mittlerweile meist im Doppelpack, versuchen sich, an Witzigkeit und Spontanität zu übertrumpfen. Da wird gegackert, ins Mikrofon geschrien und jeder noch so schlechte Witz alle Viertelstunde erneut zum „Besten gegeben“. Hauptsache laut, schrill und schräg. Ich informiere mich mittlerweile über die Neuigkeiten aus der Nacht kurz in den öffentlich-rechtlichen TV-Morgenmagazinen.

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Das tut weh!

Wer Wieland Backes gut findet, lebt meiner Meinung nach nicht in dieser Welt.
von Lisa Witsch am 23.11.2014 11:16:07

Antwort auf Das tut weh!

P.S.: Es erklärt aber so einiges.
von Lisa Witsch am 23.11.2014 11:18:02

Medienqualität: Es geht abwärts!


Medienforscher sprechen, was inzwischen politisch recht unkorrekt ist, schnörkellos von qualitätsniedrigen Medien.
von Lothar Gerstenecker am 22.11.2014 12:19:05

Na dann...

Das erklärt alles.
von Lisa Witsch am 22.11.2014 12:09:52

Freitag, 21. November 2014 von Benno Schlagenhauf

Ein Wühltisch über drei Etagen

Zugegeben: Es war sicherlich nicht gerade eine meiner besten Ideen, ausgerechnet an einem Samstag ins „Milaneo“ – Stuttgarts neuen Einkaufstempel – zu fahren. Shopping gehört ja sonst schon zu meinen Lieblingshobbys, doch wer sich dieses kostspielige Freizeitvergnügen (zeitweise) abgewöhnen möchte, dem empfehle ebenfalls einen Wochenendausflug in das erst kürzlich eröffnete Einkaufszentrum.

Während schon die Besuchermassen auf den Gängen zwischen den Geschäften immens sind, potenziert sich der Andrang in bestimmten Läden auf ein Vielfaches. Unzählige Kunden, die ein Klamottengeschäft, das mit besonders günstigen Preisen wirbt, besuchten, taten sich ein Gedränge und Geschiebe an, wie man es sonst nur aus den ersten Reihen vor der Bühne eines Rockkonzertes erlebt. Die Möglichkeit, irgendwo stehen zu bleiben, um sich ein Kleidungsstück genauer anzusehen, gibt es kaum. Im zäh fließenden Besucherstrom wird man einfach mitgespült. Wie von einem Lavafluss – mit mäßigem Tempo aber dennoch unaufhaltsam. Kleidungsstücke werden also im Vorbeigehen aufgepickt und bei Nicht-Gefallen zurückgeworfen oder gleich auf den Boden fallen gelassen. Da ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, dass die bemitleidenswerten Mitarbeiter versuchen, die Kleidungsstücke wieder ordentlich zu falten und Ordnung in den Laden zu bringen. Innerhalb kürzester Zeit verwandeln die Kunden geordnete Verkaufsregale in einen Wühltisch, der über drei Etagen reicht. Wie ein Heuschreckenschwarm fallen sie über die Ladentische her.

Wer in diesem Chaos die Kleidungsstücke seiner Wahl gefunden hat, den erwartet eine letzte Nervenprüfung: eine 100 bis 200 Meter lange Warteschlange quer durch den ganzen Laden, deren Ende von einem Mitarbeiter markiert wird, der ein Schild mit „zur Kasse“ hochhält.

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Donnerstag, 20. November 2014 von Daniel Seeburger

Die Leser im Wartezimmer

„Voll auf die Presse“, hieß die Überschrift, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) kürzlich über eine in Auszügen veröffentlichte Rede von Außenminister Steinmeier stellte. Er ging unter anderem auf die Veränderungen der Printmedien durch das Internet ein. Die Journalisten seien die Bergleute des 21. Jahrhunderts, meinte er und verwies auf die Krise des Kohlebergbaus Ende des vergangenen Jahrhunderts. Bergleute gebe es heute so gut wie keine mehr, auf einen kritischen Journalismus könne unsere Demokratie allerdings nicht verzichten. Durch das Internet gebe es nun in der Gesellschaft eine „fünfte Gewalt“, nämlich ein Publikum, das nicht nur den Politikern, sondern auch den Journalisten auf die Schultern klopft – oder aber auf die Finger haut, meinte der Außenminister. Interessant auch der Artikel bei Spiegel Online über den 16-jährigen Moritz, der erstmals in seinem Leben eine Zeitschrift kaufte. Sechs Stunden lang kämpfte er sich auf einer Zugfahrt durch ein Geo-Heft über Kapitalismus. Er war enttäuscht. Sein Fazit: „Ich bin es gewohnt, meine Informationen in der endlosen Weite zu suchen, nicht in begrenzten 173 Seiten“. Mir selbst wurde der strukturelle Wandel der Medien vor kurzem in einer Arztpraxis bewusst. Unter anderem Geo, Focus, Eltern und Öko-Test, dazu weitere Special-Interest-Formate lagen zum Lesen im Wartezimmer aus. Von den sechs Wartenden lasen zwei eine Zeitschrift, vier beschäftigten sich mit ihren Smartphones, obwohl auf einem Schild gebeten wurde, die Handys auszuschalten. Tags drauf beim Facharzt ein ähnliches Bild: Sieben Wartende, vier surften im Netz, zwei schmökerten in Zeitschriften. Nachdem ich sah, dass der Spiegel schon vergeben war, zückte auch ich mein Handy – und besuchte Spiegel Online . . .

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„auf einen kritischen Journalismus könne unsere Demokratie allerdings nicht verzichten.“


Stimmt –aber:
Das Ganze wird zwar Information genannt, tatsächlich aber handelt es sich um PR: Man ist stets darauf bedacht, gut dazustehen. Kritische Punkte hingegen werden weggelassen.

Die Medien werden auf subtile Weise gefügig gemacht. Ausgeprägt ist das vor allem in den Wirtschaftsressorts, da Unternehmen auch Anzeigenkunden sind.

Die PR-Branche hat – im Gegensatz zum Journalismus – eine blühende Zukunft!
von Lothar Gerstenecker am 20.11.2014 13:46:00

Mittwoch, 19. November 2014 von Michael Würz

Fit für den Ernstfall

Die Patientin liegt regungslos auf dem Boden. Sofort wiederbeleben, denke ich. Nein, halt, sie atmet. Also in die stabile Seitenlage mit ihr! Kopf überstrecken! Und an den Notruf denken! In meinem eigenen Kopf geht es drunter und drüber. Für einen Augenblick vergesse ich beinahe, dass alles nur gespielt ist – und die Patientin eine quietschlebendige Kollegin, die sich wie ich zur betrieblichen Ersthelferin in unserem Verlag ausbilden lässt. Doch unser Ausbilder, ein DRK-Sanitäter, weiß natürlich, dass genau das immer und überall passieren kann. Und auch wir Reporter wissen das – allzu oft treffen wir uns draußen auf der Straße. Wir wissen deshalb auch, dass die Rettungskräfte einen guten Job machen.

Doch das wichtigste Glied in der Rettungskette sind die Ersthelfer, erklärt uns unser Ausbilder. Denn die Profis sind mit Blaulicht und Martinshorn zwar schnell da, können aber oft nur noch helfen, wenn die Ersthelfer bereits gehandelt haben. Das leuchtet mir ein. Und, ganz ehrlich: Wie die meisten hatte ich zuletzt für den Führerschein einen Erste-Hilfe-Kurs belegt. Das ist viele Jahre her. Jetzt habe ich wieder das gute Gefühl, im Ernstfall handeln zu können. Ein schönes Gefühl. Und wann waren Sie zuletzt in einem Erste-Hilfe-Kurs?

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Dienstag, 18. November 2014 von Holger Much

Nicht Muh und nicht Mäh

Mit dem Begriff der „Kinderstube“ pflegt man etwas altmodisch doch zutreffend gewisse Regeln der Höflichkeit und des Miteinanders zu bezeichnen, die das Zusammenleben angenehmer machen. Manchmal gibt es Situationen, in denen man sich fragt, wo diese wenigen paar Anstandsregeln geblieben sind.

Laut palavernd auf der Straße, im Café oder in öffentlichen Verkehrsmitteln zu telefonieren scheint mittlerweile ebenso dazu zu gehören wie den zwei Ecken weiter gekauften Kebab oder Wurstwecken selbstbewusst im nächsten Eis- oder Straßencafé zu verzehren.

Dass Grüßen auch von vielen offenbar überbewertet zu werden scheint, registrierte ich jüngst. Zu zweit befanden wir uns allein im ersten Stock eines Albstädter Restaurants. Weitere Gäste, die später ebenfalls die Gaststätte besuchten, gingen auf dem Weg zu ihrem Tisch auf uns zu, schauten uns direkt an – und sagten weder Muh noch Mäh. Kein „Grüß Gott“, kein „Hallo“, nicht mal ein spärliches Kopfnicken.

Erstaunlich aber wunderbar fand ich dann die Beobachtung einer Bekannten, die in einem großen Geschäft in der Ebinger City arbeitet: während sich ältere Kunden oft gerne mal unfreundlich und muffig zeigten, seien es eigentlich durchweg die Jugendlichen, die sich durch ausdrückliche Höflichkeit auszeichnen. Da wird „Hallo“ an der Kasse gesagt, „Danke“ und „Bitte“, und die Jugendlichen wünschen offenbar so gut wie alle einen schönen Tag. Tja, es besteht doch noch Hoffnung.

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