Samstag, 13. Oktober 2018 von Klaus Irion

Duldsame Bahnkunden

Mittwochnachmittag, Hauptbahnhof Stuttgart. Menschen irren etwas rat- und ziellos zwischen den Gleisen hin und her. Den ungläubigen Blick immer wieder auf die Anzeigetafel gerichtet. Doch, es stimmt. Nicht nur der nächste, nein auch der übernächste Zug, der die Menschen auf der Neckartalbahn und anschließend auf der Zollernalbbahn in Richtung Süden befördern soll, wird ersatzlos gestrichen. Als Grund wird genannt: Ein medizinischer Notfall in einem entgegenkommenden Zug. Notgedrungen begeben sich alle betroffenen Reisenden in einen IC, der sie immerhin schon einmal bis Plochingen bringt. Dort heißt es dann umsteigen. Im Laufschritt wälzt sich die Masse Mensch Richtung Gleis 59 (die Zahl stimmt wirklich), eine Art Abstellgleis für einen einzigen Triebwagen. Wer nun aber glaubte, es wäre angesichts des unfassbaren Platzmangels zu „dramatischen“ Szenen gekommen, der irrt. Als sich endlich alle Geplagten in den Wagen gequetscht hatten, kehrte absolute Stille ein. Eine Gemeinschaft von Leidenden, die ihr Schicksal ergeben hinnahmen. Vermutlich weil für viele von ihnen solche Szenen inzwischen zum Bahnpendler-Alltag gehören. Hut ab vor allen Duldsamen. Die Deutsche Bahn kann sich glücklich schätzen, dass sie trotz des Fahrtplanchaos' noch solche Kunden hat.

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Freitag, 12. Oktober 2018 von Volker Bitzer

Ziemlich abgekühlt

Ein jedes neue Auto hat mittlerweile eine Klimaanlage an Bord. Bei guter Ausstattung sogar eine Klimaautomatik mit mehreren Zonen. Eingestellt wird die gewünschte Grad-Zahl und flugs soll der Innenraum auf die Wohlfühltemperatur – je nachdem – gekühlt oder beheizt werden. Beim Wärmen hat die Elektronik der drei deutschen Premiumhersteller aber so ihre Probleme. Das habe ich schon mehrfach getestet. Mit Thermometer. Beispiel gestern: Zuhause in der Garage steht die Quecksilbersäule auf 15 Grad. Die Klimaautomatik ist auf 23 Grad eingestellt. Heizen ist also gefragt.

Aber was passiert? Zwar kommt nach einigen gefahrenen Kilometer warme Luft aus den Düsen, aber nicht lange. Noch während mein Hand-Thermometer um die 19 Grad zeigt, wird bereits wieder leicht gekühlt. Warum? Häufig argumentieren die Hersteller mit Sonneneinstrahlung. Gerade im Herbst, wenn es draußen 14 Grad hat, aber die Sonne scheint, wird es tatsächlich problematisch. Dabei ist es doch ganz einfach. Wenn ich 23 Grad einstelle, dann will ich auch, dass der Innenraum 23 Grad (plus minus eins) hat und nichts anderes. Sonne hin oder her. Ich möchte mich als Kunde von den Autoherstellern nicht bevormunden lassen, wo mein Empfinden 23 Grad fühlt. Das ist eine physikalische Größe, also messbar.

Während in München die Ingenieure noch am ehesten die echten Temperaturen in den Innenraum bekommen, sieht es bei jenen in Stuttgart schon schlechter aus. Ganz schlimm ist es jedoch in Ingolstadt, wo offenbar ganzjährig tropische Verhältnisse herrschen.

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Donnerstag, 11. Oktober 2018 von Thomas Godawa

Die Tage werden kürzer

Es ist mal wieder so weit, der Sommer verabschiedet sich. Eigentlich kaum zu glauben nach diesem Sommer, der von April bis September ging. Und doch, die Tage werden kürzer, die Nächte kälter und irgendwo empfinde ich das auch als tröstlich, diese Abfolge der Jahreszeiten. Sie gibt einem das Gefühl von Bewegung, Dynamik und Fortschritt. Und es gibt einem die Sicherheit immer wiederkehrender Rituale, Feste, Familientreffen und neuer Begegnungen und Familienzuwachs. Das Leben wächst weiter in diesem gewohnten Rhythmus, der einem inzwischen vertraut ist. Über die Jahrzehnte hinweg. Und dabei wird mir bewusst, dass der Weg das Ziel ist, mit all seinen Niederlagen und Erfolgen unterwegs, mit den fröhlichen und den traurigen Momenten. Und ja, die Tage werden kürzer.

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Dienstag, 9. Oktober 2018 von Gudrun Stoll

Fahr lieber mit dem Auto

Ganz bewusst übte ich vorige Woche den Verzicht aufs Auto und löste mit Familienmitgliedern und Nachbarn ein Baden-Württemberg-Ticket, um Staus auf der B 27 und der leidigen Suche nach einem Parkplatz in Stuttgart zu entgehen. Unser Ziel war das Historische Volksfest auf dem Schlossplatz, das nicht nur uns, sondern mehr als eine halbe Million Menschen begeistert hat. Das will was heißen bei Schwaben, denen selten ein Lob über die Lippen kommt.

Doch gemach, auch die Bruddler kamen beim Ausflug voll auf ihre Kosten. Der Deutschen Bahn sei Dank. Der IRE von Aulendorf nach Stuttgart fuhr um die Mittagszeit bereits mit Verspätung im Ebinger Bahnhof ein und musste an jedem Haltepunkt bis Tübingen den Gegenzug abwarten. Letztendlich summierte sich bis zum Hauptbahnhof Stuttgart der ständige Stillstand auf eine satte Verspätung. Zugpersonal war nicht an Bord, die Toilette defekt. Wer dennoch aufs stille Örtchen musste, dem blieb nichts anderes übrig, als an einem der Bahnhöfe in Wagen Nummer zwei umzusteigen. Improvisationstheater, das eine Gruppe junger Leute, deren zünftiges Outfit den Cannstatter Wasen als Ziel verriet, mit Humor nahm. Senioren dürfte ob solcher Zustände das Lachen vergangen sein.

Weil es so schön war auf dem Volksfest, nahmen wir den „Lumpensammler“, um ohne Umstieg von Stuttgart wieder nach Ebingen zu kommen. Aber auch dieser letzte IRE am Abend schaffte die ruckelige Fahrt auf die Alb nicht ohne Verspätung. Wie heißt es so schön im legendären Song von Wise Guys: „Für Ihre Leidensfähigkeit danken wir spontan“ – thank you for travelling with Deutsche Bahn.

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Donnerstag, 4. Oktober 2018 von Lydia Wania-Dreher

Das schwere Schweben

Tanzen, als würde es kein Morgen geben. In Ekstase die Welt drum herum vergessen, nur einen einzigen Augenblick den Schmerz nicht fühlen. Die Fernsehserie „Babylon Berlin“ entführt die Zuschauer in eine Zeit des Ausnahmezustands. In die deutsche Hauptstadt 1929. Die Schrecken des Krieges sind präsent und die Zukunft ungewiss. Dieses Leben im Schwebezustand und die Unsicherheit, wer gut und wer böse ist, haben mich in den Bann gezogen. Eine Folge schaue ich nach der anderen an – gefesselt von den Bildern, die bittere Armut zeigen, und dem Handeln der Menschen. Jeder ist sich selbst am Nächsten. Aus dem Verratenen wird im nächsten Augenblick selbst ein Verräter, nur um einen kleinen Vorteil zu bekommen. So schillernd die Kleider auch sein mögen, so kokett die Hüte auch aussehen – ich bin froh, nicht in dieser Zeit zu leben. Und dankbar, anders leben zu können. Aber mir wird durch solche Filme auch immer wieder bewusst, dass mein jetziges Dasein nicht selbstverständlich ist. Und, es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Ich möchte nicht, dass wir uns im Jahr 2029 in einem solchen Schwebezustand befinden.

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