Mittwoch, 5. August 2009 von Daniel Seeburger

Heute geht die Welt unter

Heute sollten Sie sich warm anziehen, denn die Welt geht unter. Kein Witz. Um 12.12 Uhr schlägt ein Asteroid mit einem Durchmesser von 111 Kilometern in Europa ein. Ab 6 Uhr werden wir ihn mit bloßem Auge am Himmel erkennen können – behauptet jedenfalls ein anonymer Bibelkenner, der seit Anfang Juni ein Pamphlet mit dem bezeichnenden Titel „Die Prophetenworte Gottes für das in aller Kürze kommende Strafgericht“, unter anderem auch in Rottweil und Teilen des Schlichemtals verteilt hat. „15 Nationen“, so der Verfasser, „werden in nicht einmal fünf Minuten verglühen“.

In der Bibel gebe es genügend Hinweise, dass just heute die Menschheit ihr verdientes Ende finden werde. Nicht weniger als 62 Bibelstellen führt der Autor an, hinter denen sich bei näherer Betrachtung allerdings nicht das verbirgt, was der Schreiber verspricht .

Von Natur aus neugierig, interessierte mich vor allem ein ganz besonderer Teil des Pamphlets. „Am Samstag, den 01.08., abends um 8.30 Uhr, wird Jesus mit den Heiligen am Himmel erscheinen“, heißt es dort. Ich saß auf dem Balkon, grillte Würstchen, beobachtete, die Kamera griffbereit, den Abendhimmel. Nichts geschah!

Eine Bibelstelle fehlt in dem Machwerk – und zwar eine ganz zentrale über den Weltuntergang. „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“, heißt es im Matthäus-Evangelium.

Und so warten wir ab morgen weiter auf den Weltuntergang, der irgendwann einmal ganz sicher kommen wird. Und mindestens ein Mitbürger wird heute kurz nach 12 Uhr verkatert feststellen, dass er in den kommenden Tagen die Methodik seiner Bibelinterpretation grundlegend überdenken muss.

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Samstag, 18. Juli 2009 von Daniel Seeburger

Die Kunst des Sterbens

Die ganze Welt weint, als Michael Jackson stirbt. Millionen Menschen verfolgen die Trauerfeier an den Fernsehapparaten. Stars singen tränenselige Balladen. Am goldverzierten Sarg werden infantile Reden gehalten.

Vor etwa 13 Jahre stolpert Mutter Teresa auf einer Müllkippe in Kalkutta über einen Sterbenden. Der alte Mann ist ausgemergelt, verdreckt, mit Würmern übersät. Die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ waschen ihn, legen ihn in ein sauberes Bett und halten ihm in seinen letzten Stunden die Hand. Diese Geschichte hat Tiziano Terzani in seiner Reportage über Mutter Teresa dokumentiert.

Als Terzani unheilbar an Krebs erkrankt, begibt sich der frühere Asien-Korrespondent des „Spiegel“ auf eine letzte große Reise, die ihn schließlich in die eisigen Höhen des Himalaya führt. „Noch eine Runde auf dem Karussell. Vom Leben und Sterben“ heißt sein Buch über diese Reise.

Er kritisiert die westliche Kultur, in der der Tod, dem niemand entkommen kann, verdrängt und tabuisiert wird und das Sterben nur noch im Verborgenen stattfinden kann. Für Terzani aber ist der Tod Teil des Lebens. Das Leben ist wie eine Brücke, die man als Reisender auf dem Weg zur Herberge überqueren muss, der Tod das „letzte Abenteuer“. Zum Sterben kehrt er aus der Einsamkeit des Himalayas zu seiner Familie in die Toskana zurück.

Ob Michael Jackson in seiner Todesstunde glücklich gewesen ist, weiß man nicht. Tiziano Terzanis Hinübergleiten aber ist dokumentiert. „Sein Atem kommt und geht, wie der Wind. Kommt und geht“, schreibt Terzanis Sohn Folco im Buch „Das Ende ist mein Anfang“ über den Tod des Vaters.

Der alte Mann aus Kalkutta, so erzählt Terzani in seiner Reportage über Mutter Teresa, habe im Augenblick seines Todes gelächelt.

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Mittwoch, 8. Juli 2009 von Daniel Seeburger

Wohnwagen im Kornfeld

Meine Nichte Emelie ist fünf und, wenn man ihren Beteuerungen Glauben schenken darf, schon ein großes Mädchen. Mit ihren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden blonden Haaren sieht sie aus wie ein weiblicher Michel aus Lönneberga. Manchmal kann sie auch schon so frech sein wie der Bengel aus Schweden, dem Astrid Lindgren ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Neulich fragte ich Emelie: „Na Süße, wie geht's denn ?“ „Ätsch“, antwortete sie mit ihrem verschmitzten Lächeln, „mein Papa kauft 'nen Mähdrescher.“ Da war ich dann doch perplex. Ich meinte bisher, die Grundstücke meines Schwagers zu kennen. Hektargroße Kornfelder sind nicht darunter. Aber man kann sich ja irren. „Nein“, antwortete meine verduzte Schwester, „wir kaufen keinen Mähdrescher. Wie kommst du denn auf diese absurde Idee? Aber wir überlegen uns, ob wir einen Wohnwagen anschaffen“.

Als ich kurz darauf Emelie wieder traf, bohrte ich weiter. „Was macht Dein Papa denn mit dem Mähdrescher?“ Auf den Mund gefallen ist die Kleine nicht. Ihre Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Sag ich nicht!“

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Donnerstag, 2. Juli 2009 von Daniel Seeburger

Headbanger als Chef

Ich gebe zu, ich war nervös, als ich am Freitag das Balinger Festivalgelände besuchte. Die Musik beim Bang Your Head würde mir gefallen, das wusste ich. Aber die ganzen Headbanger? Diese Art der Körperertüchtigung war nie meine Sache. Ich bevorzuge das sanfte Wippen des rechten Beines, wenn um mich herum die Haare fliegen und gymnastische Verrenkungen mit olympiareifen Schwierigkeitsstufen vorgeturnt werden.

Ich war noch keine zehn Minuten beim Festival, als mir der Vorsitzende des Gesangvereins einer Balinger Nachbargemeinde samt Mitsänger über den Weg lief. Mit beiden besuchte ich acht Jahre das Balinger Gymnasium – und hatte sie nach dem Abitur nur noch sporadisch zu Gesicht bekommen. Zwei breitkrempige Lederhüte schmückten ihre Häupter, bekleidet waren sie mit den aktuellsten Bang Your Head-Shirts. Die Wiedersehensfreude war groß. Ja natürlich, konterten sie meine Feixereien, sie suchten sich Anregungen für den Chorgesang.

Als ich die gestandenen Familienväter am Samstag nach dem großen Regen wieder traf, waren sie höchst zufrieden. Ihre beiden Söhne, die übrigens irgendwo da vorne in den ersten Reihen stünden, seien beim Southside-Festival in Neuhausen gewesen und hätten ausgesehen „wie durch den Dreck gezogen“. Gottseidank sei das Wetter in Balingen wieder besser geworden, meinten sie. „Du weißt, das Kreuz, die Hüfte . . .“

Meine Befürchtung, ich sei zu betagt für derartige Veranstaltungen, bewahrheitete sich nicht. Einige Fans sahen aus, als hätten sie sich die Metal-Kutte über den Nadelstreifen-Anzug gezogen. Anwälte, Mediziner, Polizeibeamte, Bankangestellte – sie alle wechselten für zwei Tage ihre Identität. Ein etwa 50-jähriger Unternehmer mit Metallica-Leibchen und verspiegelter Sonnenbrille gab mir schmunzelnd einen Tipp: „Leg dich nie mit einem Headbanger an – es könnte dein Chef sein“.

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Donnerstag, 18. Juni 2009 von Daniel Seeburger

Der Abschied

Eigentlich sollte ich an diesem Samstagmorgen kurz nach sieben nur Brötchen holen.

Es war die letzte Fahrt in meinem alten, feuerwehrroten Renault Kangoo. Zehn Jahre lang hatte er mir treue Dienste geleistet, 240 000 Kilometer war ich mit ihm in ganz Europa unterwegs. Jetzt war er altersschwach, die Schrottpresse für ihn lief schon warm. Nur noch mit seinem scheppernden Auspuff konnte mein Arbeitstier auf sich aufmerksam machen. Die Ölwanne tröpfelte und wenn mein „Diesel“ hustete, keuchte schwarz eingenebelt der nachfolgende Verkehr.

Auf der Fahrt zum Bäcker tönte der „Green Day“-Song „The Static age“ aus meinen Boxen. „The silence of the rotten, forgotten, screaming at you“, sang Billy Joe Armstrong zu scheppernden Gitarren – „die Stille der verrottenden Vergessenen klagt dich an”, heißt das recht frei übersetzt. Ich erstarrte. Während mein Kangoo gemütlich vor sich hin tuckerte, plagte mich mein Gewissen. Ich erinnerte mich an die Pässe in den Alpen oder in Umbrien, die mein „Rotkäppchen“ klaglos bewältigte, dachte an das schmale Tor im toskanischen Marradi, in dem mein Gefährt festsaß oder an die abenteuerlichen Fahrten zur heimischen Baustelle mit riesigen Gipskartonplatten im Kofferraum .

Den Bäcker hatte ich längst hinter mir gelassen und war auf dem Weg nach Wellendingen, Rottweil, Gosheim, Wehingen, Deilingen. Und immer wieder diese Songzeile aus dem CD-Spieler. Die letzte Tour meines alten Wagens wurde zu einer flammenden Anklage. Ich vergoss heiße Tränen und schenkte ihm die letzten 100 Kilometer. Das war ich ihm einfach schuldig.

„Musste der Bäcker die Brötchen erst noch backen?“, wollte meine Frau wissen, als ich nach einer Stunde endlich wieder nach Hause kam. „Das ist eine lange Geschichte“, antwortete ich.

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